Demonstration von Sawtschenko-Unterstützern in Warschau | Bildquelle: AP

Umstrittener Sawtschenko-Prozess in Russland Gericht hält ukrainische Pilotin für schuldig

Stand: 21.03.2016 15:29 Uhr

Die ukrainische Militärpilotin Sawtschenko steht vor einem russischen Gericht. Der Vorwurf: Weil sie Koordinaten für einen Angriff lieferte, habe sie den Tod zweier russischer Journalisten zu verantworten. Die Richter halten sie für schuldig. International wird das Verfahren scharf kritisiert.

Ein russisches Gericht hält die ukrainische Kampfpilotin Nadja Sawtschenko des Mordes, der Beihilfe zum Mord und des illegalen Grenzübertritts für schuldig. Sie habe "aus Hass absichtlich den Tod zweier Menschen verursacht", erklärte Richter Leonid Stepanenko.

Verwirrung gibt es noch darüber, ob mit den Aussagen der Richter bereits ein formeller Schuldspruch gefallen ist. Russische Nachrichtenagenturen meldeten am Vormittag, dies komme einem Schuldspruch gleich, und blieben auch im weiteren Verlauf des Tages bei dieser Darstellung. Die Verteidiger Sawtschenkos widersprachen dem. Sie erwarteten den Richterspruch später am heutigen Montag, möglicherweise aber auch erst am Dienstag, sagten die Anwälte Mark Feygin und Nikolai Polosow der Nachrichtenagentur Reuters. Die Nachrichtenagentur dpa berichtet nun, der Schuldspruch könne im monotonen Verlesen durch den Richter untergegangen sein.

Sawtschenko kämpfte in Freiwilligenbataillon

Sawtschenko war im Sommer 2014 im Kampfgebiet in der Ostukraine von prorussischen Separatisten gefangen genommen. Die Umstände, unter denen sie dann nach Russland kam, sind strittig. Die 34-Jährige ist ausgebildete Kampfpilotin, war aber damals in einem ukrainischen Freiwilligenbataillon und kämpfte gegen die von Russland unterstützten Rebellen. Russland wirft ihr vor, als Aufklärungsoffizierin die Koordinaten für einen Mörserangriff geliefert zu haben, bei dem die beiden Journalisten und mehrere Zivilisten getötet worden waren.

Nadja Sawtschenko während eines Verhandlungstages am Gericht | Bildquelle: AP
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Sawtschenko während eines Verhandlungstages im Gericht von Donezk.

Nadescha Sawtschenko während eines Verhandlungstages am Gericht | Bildquelle: REUTERS
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Sie muss während des Prozesses in einem Glaskasten sitzen, daher die Spiegelung auf den Fotos.

Heldin in der Ukraine, für Russland gefährliche Nationalistin

Der Prozess findet in der südrussischen Kleinstadt Donezk nahe der Grenze zur Ukraine statt - nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Stadt in der Ostukraine. In der Ukraine wird die Pilotin als Nationalheldin und Symbol des Widerstands gegen den Kreml verehrt, während sie im russischen Staatsfernsehen als gefährliche Nationalistin dargestellt wird. Sie selbst bestreitet jegliches Fehlverhalten und spricht von einem Schauprozess. Den Richter hatte sie als "Idioten" bezeichnet .

Ihre Anwälte hatten dem Gericht Mobilfunkdaten vorgelegt, die beweisen sollten, dass ihre Mandantin zum Zeitpunkt des Mörserangriffs bereits von Separatisten gefangen genommen worden war. Außerdem sei sie nach Russland entführt worden und keineswegs freiwillig dorthin gereist. Sawtschenko trat während ihrer Haft in Russland mehrfach in den Hungerstreik. Nach Angaben ihrer Anwälte will sie dies nun erneut tun. Sie hat auch ein Mandat im ukrainischen Parlament. Sie war 2014 in Abwesenheit zur Abgeordneten gewählt worden.

Steinmeier will Fall ansprechen

Demonstration von Sawtschenko-Unterstützern in Warschau | Bildquelle: AP
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Demonstration von Sawtschenko-Unterstützern in Warschau Anfang März. International wird das Verfahren scharf kritisiert.

Das Gerichtsverfahren hatte die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine weiter verschärft, international wird es heftig kritisiert. Die Ukraine bezeichnet Sawtschenko als Kriegsgefangene und fordert ihre Freilassung im Austausch gegen russische Offiziere. Russland will aber erst nach dem Urteil über einen etwaigen Austausch sprechen. Die Freilassung verlangen auch die Europäische Union und US-Präsident Barack Obama.

Auch die Bundesregierung kritisierte den Prozess. Außenminister Frank-Walter Steinmeier will das Urteil bei seinem Moskau-Besuch in dieser Woche zum Thema machen. "Der Schuldspruch ist das Ergebnis eines Prozesses, der rechtsstaatlichen Grundsätzen zuwiderlief", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts.

Der Krieg in der Ostukraine zwischen ukrainischen Truppen und prorussischen Separatisten hat seit April 2014 mehr als 9000 Menschen das Leben gekostet. Inzwischen herrscht offiziell eine Waffenruhe, die aber als sehr zerbrechlich gilt.

Ukrainische Kampfpilotin Nadja Sawtschenko schuldig gesprochen
B. Großheim, ARD Moskau
21.03.2016 10:50 Uhr

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Mit Informationen von Bernd Großheim, ARD-Studio Moskau

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. März 2016 um 12:00 Uhr.

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