Reportage aus Frankreichs "Klein Jerusalem" Kippa auf der Straße? Besser nicht!

Stand: 16.01.2015 17:02 Uhr

Sarcelles hat 50.000 Einwohner - ein Drittel davon sind jüdischen Glaubens. Angst haben viele von ihnen nicht erst seit den Anschlägen von Paris - und das macht sich im Alltag der französischen Stadt deutlich bemerkbar.

Von Julia Borutta, ARD-Hörfunkstudio Paris

Eine halbe Stunde braucht der Schnellzug von Paris nach Sarcelles. "Klein Jerusalem" wird die Stadt genannt. 50.000 Einwohner, über 20 Synagogen - ein Drittel der Bevölkerung ist jüdisch und die gesamte jüdische Gemeinde steht unter Schock, sagt Bürgermeister Francois Pupponi. "Die Leute sind mehr als traumatisiert, sie sind völlig in sich zusammengebrochen. Einer der jungen Männer, die in dem koscheren Supermarkt erschossen wurden, war ja von hier. Die Juden von Sarcelles wollen nur noch eins: weg!"

"Die Islamisten sind dabei, ihr Ziel zu erreichen"

Im vergangenen Jahr haben so viele Juden Frankreich verlassen wie noch nie. Rund 7000 zählt die jüdische Auswanderungsagentur, doppelte so viele wie im Jahr zuvor. Manche gehen aus wirtschaftlichen Gründen, viele aus Angst. Und die Zahl wird weiter steigen, da ist sich Pupponi mit den Experten einig.

Der volksnahe Bürgermeister - Trainingshose, Bomberjacke, Tablet unterm Arm - hat in den letzten Tagen viele Gespräche geführt. "Die Islamisten sind dabei, ihr Ziel zu erreichen. Das heißt, einen Teil der Menschen so zu terrorisieren, dass sie weg wollen. Das Schlimmste für die Leute ist, dass es immer und immer wieder passiert. Sie halten lange durch und irgendwann geben sie auf."

Unruhen in Sarcelles im Juli 2014 | Bildquelle: AFP
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Vor einem halben Jahr war Sarcelles Schauplatz antisemistischer Krawalle.

Polizisten vor einer Synagoge in Sarcelles | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Heute stehen vor den Synagogen der Stadt schwer bewaffnete Polizsiten.

"Warum müssen wir überhaupt geschützt werden?"

Hass gegen Juden breitet sich in den letzten Jahren vor allem unter muslimischen Jugendlichen aus. Ihr Hass auf den Staat, auf das System, bricht sich Bahn in einem diffusen Antisemitismus. Ein halbes Jahr ist es her, dass eine Gruppe Jugendlicher marodierend durch das jüdische Viertel von Sarcelles zog und die Geschäfte demolierte.

Jean Jacques führt seit zwölf Jahren ein Asia-Restaurant in der Avenue Frederic Joliot Curie. "Seit den Attentaten leben die Leute schon irgendwie in Angst", räumt er ein. "Ich hab weniger Kunden, die Leute bleiben zuhause." Auch Jean-Jacques ist froh über die 150 Polizisten, die seit vergangener Woche seine Gemeinde schützen. Von der Terrasse seines Restaurants aus kann er sie schwer bewaffnet vor dem Eingang der Synagoge stehen sehen.

"Warum müssen wir überhaupt geschützt werden? Was sind wir denn weniger oder mehr als andere?", fragt Jean Jacques. "Wir sind keine Bank, wir sind keine schwachen Leute, wir sind normal. Warum schaut man uns an wie eine störende Fliege im Milchglas? Diese Schutzbedürftigkeit an sich dürfte es schon gar nicht geben. Wir müssten genauso sein wie alle andern und normal leben können."

"Ich frage mich, ob es nicht schon zu spät ist"

Beim koscheren Metzger Eddy treffen sie sich noch: Nathalie, die nicht gläubige Muslima, und die Jüdinnen Michelle und Celine. Doch etwas hat sich verändert, sagen die beiden: "Die Blicke auf der Straße, einer geht dicht hinter dir, man dreht sich um, fühlt sich nicht wohl. Aber wir dürfen nicht psychotisch werden. Außerhalb des Viertels muss mein Sohn die Kippa abnehmen. Manchmal kriegen wir antisemitische Briefe. Aber wir müssen durchhalten. Frankreich ist unsere Heimat."

Aber wie lange noch und für wie viele? Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat seine Einladung an alle französischen Juden, nach Israel zu ziehen, gerade erst erneuert. Aber ein Frankreich ohne seine jüdische Gemeinde? Das wäre nicht Frankreich, hat Premierminister Manuel Valls in seiner gefeierten Rede am Dienstag gerufen. "Das hat viele Juden in Sarcelles sehr berührt", sagt Michelle: "Ich glaube die französische Regierung hat endlich begriffen. Und die Rede von Valls war wundervoll. Aber ich frage mich, ob es nicht schon zu spät ist."

Die jüdische Gemeinde hat Angst
J. Borutta, ARD Paris
16.01.2015 17:24 Uhr

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