Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch | Bildquelle: AP

Rohingya in Myanmar Das Elend der Ungewollten

Stand: 23.10.2017 11:44 Uhr

Nicht nur nach Bangladesch, auch innerhalb Myanmars sind Tausende Rohingya vor Verfolgung und Gewalt geflohen. Ihre Lage ist schlecht - sie dürfen die Lager nicht verlassen, die Versorgung funktioniert kaum. Doch die Hetze gegen sie nimmt zu.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

Es gibt unterschiedliche Realitäten in Myanmar: Da sind zum einen die Vereinten Nationen, die im Zusammenhang mit den Rohingya von "ethnischer Säuberung" sprechen. Die USA fordern Myanmars Militär auf, die Tragödie zu beenden. Die Nichtregierungsorganisation "Human Rights Watch" klagt Menschenrechtsverbrechen an.

Und da ist de facto-Staatschefin Aung San Suu Kyi, die keine Ahnung davon haben will, warum die Rohingya fliehen und wieso dieser Exodus im Rakhine-Staat stattfindet. "Wir wollen aber herausfinden, was die Ursachen für diesen Exodus sind", sagt sie.

Hass auf Rohingya gewachsen

Buddhistische Mönche in Myanmar demonstrieren gegen die Rückkehr der geflohenen Rohingya | Bildquelle: AP
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Buddhistische Mönche hetzen in Myanmar gegen die muslimische Minderheit der Rohingya.

Zwar hat die Armee ihre als Anti-Terror-Kampf bezeichneten Einsätze in Rakhine seit dem 15. September gestoppt, doch der Hass auf die Rohingya ist in der allerärmsten Provinz Myanmars eher noch gewachsen. Die massive internationale Kritik an der Verfolgung der muslimischen Minderheit hat zu einer Art Solidarisierung der buddhistischen Bevölkerung geführt.

Hilfstransporte für die Rohingya werden angegriffen, ausländische Reporter attackiert, Mönche in karmesinroten Roben rufen in Hetztiraden zur Vertreibung der Muslime auf.

Rohingya als Binnenflüchtlinge

Fast 600.000 Rohingya sind über die Grenze nach Bangladesch geflohen - mehr als die Hälfte von ihnen sind Kinder. Dabei werden oft die Flüchtlinge innerhalb Myanmars vergessen. Tausende haben sich in die Lager bei Sittwe vor der Gewalt gerettet.

Graubraune, öde Wüstenflecken mit langen Reihen von Holzhütten. Die Menschen sitzen hier lethargisch in der prallen Sonne - sie dürfen die Lager nicht verlassen. Schwerbewaffnete Militärs haben das Gelände abgeriegelt, die Versorgungslage ist miserabel. Kinder betteln die Besucher der Hilfsorganisationen um Essen an. "Bitte gebt mir etwas", fleht ein Junge. "Ich habe seit drei Tagen nichts gegessen. Etwas Reis, bitte gebt mir etwas."

Die Lage hier sei wirklich sehr schlecht, ergänzt eine Frau mit Säugling auf dem Arm. "Meine älteste Tochter ist krank, aber es kommt kein Arzt. Das Dorf, aus dem ich geflohen bin, wurde angezündet, alles brannte lichterloh, dann fielen Schüsse, viele starben." Sie habe ihre Kinder genommen und sei nur gerannt. "Ich weiß nicht, wo mein Mann ist, ob er noch lebt. Ich wollte über die Grenze nach Bangladesch, aber da soll es genauso schlecht sein."

Die schwierige Lage der Aung San Suu Kyi

"Some Hope" - etwas Hoffnung - so heißt das Lied über Aung San Suu Kyi, das sie immer noch mehrmals täglich im Radio spielen. Für die meisten Bürger in Myanmar ist sie eine Heldin, fast Heilige, und das könnte sich schnell ändern, wenn sie sich stärker für die ungeliebten Rohingya einsetzen würde.

Es ist unwahrscheinlich, dass sie deren wahre Lage nicht kennt, auch wenn sie deren Verfolgung relativiert. Der tatsächliche Einfluss von Suu Kyi ist ohnehin begrenzt. Die wahre Macht in Myanmar hat immer noch die Armee. Auch wenn die Generäle es perfekt verstanden haben, die Friedensnobelpreisträgerin als Alleinverantwortliche ins Rampenlicht zu schieben.

Lage der Rohingya
Holger Senzel, ARD Singapur
23.10.2017 10:50 Uhr

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