Plastik fressende Raupe (Foto: César Hernández)

Entdeckung in Spanien Appetit auf Plastiktüten

Stand: 24.04.2017 21:49 Uhr

Eine kleine Raupe könnte die Lösung für das globale Müllproblem sein. Das Besondere an ihr: Sie hat Appetit auf Plastik. Eine italienische Forscherin hat das zufällig entdeckt - als sie die Raupe in flagranti erwischte.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Federica Bertocchini forscht nicht nur als Biologin an der Universität Santander in Nordspanien, sie ist auch Hobby-Bienenzüchterin. Als sie eines Tages ihre Bienenstöcke zu Hause reinigen wollte, fiel ihr auf, dass Raupen hineingekrochen waren, Larven der Großen Wachsmotte.

"Diese Raupen sind eine Plage für Imker", sagt Bertocchini. "Sie breiten sich in den Honigwaben aus und zerstören den Bienenstock. Also habe ich diese Larven herausgenommen und in eine Plastiktüte gesteckt. Nach kurzer Zeit stellte ich fest, dass die Larven Löcher in die Tüte gefressen hatten und heraus gekrochen waren.“

Larven haben es auf Polyethylen abgesehen

Eine Riesenüberraschung für die Italienerin - und der Startschuss für eine groß angelegte wissenschaftliche Studie. Zusammen mit ihren Kollegen fand Bertocchini heraus, dass die Motten-Larven es auf Polyethylen abgesehen haben. Fast alle normalen Plastiktüten bestehen aus diesem Kunststoff. Die Forscher wissen bisher noch nicht, ob die Larven das Polyethylen komplett zersetzen oder in ihren Ausscheidungen noch kleine Reste davon übrig bleiben.

Das soll im nächsten Schritt herausgefunden werden, sagt Ainhoa Goñi vom Wissenschaftsministerium in Madrid, die sich um die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse kümmert: "Wir wollen wissen, warum die Raupe so sehr an dem Kunststoff interessiert ist. Dann prüfen wir, welche Enzyme oder Moleküle konkret für die Zersetzung zuständig sind - und versuchen, diese zu züchten. Ein wichtiger Schritt. Unser Ziel lautet langfristig, Plastikmüll so zu vernichten."

Forscherin Bertocchini mit Raupe auf dem Finger (Foto: César Hernández)
galerie

Forscherin Bertocchini hat Larven in eine Plastiktüte gesteckt: "Nach kurzer Zeit stellte ich fest, dass die Larven Löcher in die Tüte gefressen hatten und heraus gekrochen waren." (Foto: César Hernández)

100 Tage für eine Tüte

In Experimenten fraßen 100 Raupen in zwölf Stunden etwa 92 Milligramm Polyethylen. Das heißt: Eine handelsübliche Plastiktüte, die 20 Gramm wiegt, wäre in gut 100 Tage aufgefressen. Nach den Worten der Wissenschaftler ist das relativ schnell. Ein Bakterium, das japanische Forscher vor Monaten entdeckt haben und das eine ähnliche Kunststoff-Verbindung abbauen kann, schafft in dieser Zeit nur einen kurzen Streifen Tesafilm.

Offenbar ist Polyethylen für die Raupen nicht giftig, erklärt Ainhoa Goñi. "Sie fressen den Kunststoff ohne Probleme. Wir prüfen, ob die Larven vielleicht noch andere Plastik-Verbindungen fressen. Wir versuchen, sie dabei auch etwas zu locken - mit Honig, das ist schließlich ihre Leibspeise."

Das weiß auch Hobby-Imkerin Bertocchini von ihrem Honig-Anbau. Sie warnt nach den ersten Forschungsergebnissen aber vor zu viel Euphorie: "Wir müssen etwas vorsichtig sein. Was bisher feststeht: Die Raupe frisst Plastik - und zwar schnell, das ist phänomenal. Aber wir müssen noch den genauen biologischen Mechanismus finden. Es öffnet sich quasi gerade eine neue Tür - was sich dahinter befindet, werden wir noch erkunden."

Die Raupe, die Plastiktüten frisst
O. Neuroth, ARD Madrid
24.04.2017 20:35 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. April 2017 um 05:52 Uhr.

Darstellung: