Blick in die Textilfabrik One Composite Mills in Bangladesch | Bildquelle: dpa

Nach Rana-Plaza-Unglück Mehr Sicherheit, aber...

Stand: 24.04.2018 07:42 Uhr

Vor fünf Jahren starben mehr als 1000 Textilarbeiter beim Einsturz des Rana Plaza in Bangladesch. Heute hat sich die Sicherheit verbessert - teilweise. Denn die Auflagen der Konzerne sind lückenhaft.

Von Jürgen Webermann, ARD-Hörfunkstudio Neu Delhi

Dort, wo einst das Rana Plaza stand, klafft jetzt eine Baulücke. Davor steht ein kleines Denkmal, zwei Fäuste halten die Arbeitersymbole Hammer und Sichel in der Hand. "Unsere Erinnerungen sind mit Milliarden von Tränen behaftet", steht auf einer Tafel geschrieben. Rafiqul Islam lässt dieser Ort nicht los: "Ich denke oft daran, jeden Tag stehe ich hier", berichtet er. "Ich habe so viele Bekannte hier verloren, wie Tausende andere Menschen auch. Diese zwei Tage waren ein Albtraum für mich und meine Kinder. Wir sind die ganze Zeit hier geblieben, wir waren nicht zu Hause."

Rafiquls Frau konnte gerettet werden. Seitdem, sagt Rafiqul, sei sie depressiv. Sie leide unter furchtbaren Schmerzen. Immerhin erhielt die Familie Entschädigungsleistungen, sowohl aus Bangladesch als auch von internationalen Textilfirmen. Die hatten nach dem Unglück am Rana Plaza ein Jahr lang darüber gestritten, wer welchen Anteil zu leisten habe.

"Das ist wirklich eine große Verbesserung"

Die Textilindustrie erwirtschaftet rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bangladesch. Drei Viertel aller Exporte sind Textilien. Vier Millionen Menschen arbeiten in der Branche.

Kalpona Akter hat schon als Kind in einer Textilfabrik gearbeitet. Jetzt ist sie Gewerkschafterin. Das bringt ihr seit 20 Jahren Ärger ein, sie verlor ihre Arbeit. Aber die Sicherheit in den Fabriken habe sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, sagt sie: "Vor dem großen Unfall im Rana Plaza hatten wir um die 200 Arbeiter im Jahr, die durch Feuer oder Gebäudeeinstürze ums Leben gekommen sind. Heute sind es weniger als fünf bis zehn Menschen, die durch Unfälle sterben. Das ist wirklich eine große Verbesserung", sagt sie.

Aber es gibt noch viele Mängel. Das räumen auch die großen Textilbündnisse ein, die Tausende Fabriken in Bangladesch im Namen der westlichen Konzerne überwachen. Auch die Regierung ließ mehr als 750 Fabriken inspizieren. Ergebnis: Nur etwa 100 Fabriken haben die meisten Mängel behoben.

Eingestürztes Fabrikgebäude Rana Plaza in Bangladesch
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Das eingestürzte Rana Plaza in Bangladesch vor fünf Jahren.

Mann an dem Ort, wo früher das Rana Plaza stand | Bildquelle: AFP
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Heute ist am Ort des Unglücks eine Baulücke.

Textilbündnis Accord bleibt länger

Das Textilbündnis Accord, in dem sich vor allem europäische Firmen zusammen geschlossen haben, war ursprünglich für fünf Jahre bis Mai 2018 ausgelegt. Jetzt wird Accord bis 2021 in Bangladesch bleiben - denn viele Fabriken sind immer noch nicht sicher genug.

Das Textilbündnis kündigte bisher rund 100 Unternehmen, die gar keine Fortschritte gemacht haben. Aber selbst für diese Firmen gibt es Schlupflöcher, sagt Shabbir Mahmood. Seine Fabrik ist mangelhaft. Und doch produziert er für westliche Firmen - als Subunternehmer. "Subunternehmen heißt, wenn eine große Fabrik einen Auftrag angenommen hat und ihn nicht ganz erfüllen kann, dann lässt sie zum Beispiel 20 Prozent woanders produzieren. Diese kleinen Firmen werden nicht von Accord kontrolliert, weil sie ja offiziell gar nicht für den großen Auftraggeber arbeiten. Manchmal wissen die Auftraggeber nicht, dass ein Teil ihrer Produktion ausgelagert wurde."

Druck auf Gewerkschaften

Abgesehen von Sicherheitsmängeln gibt es aber noch ein anderes Problem in Bangladesch: Arbeiterinnen, die für mehr Lohn kämpfen, verlieren immer noch oft ihre Jobs oder landen sogar bisweilen im Gefängnis. Auch die Gewerkschafterin Akter saß schon mehrfach hinter Gittern.

Der Druck auf die Arbeiterinnen sei so hoch, dass nur jeder 20. Beschäftigte in Bangladesch in einer Gewerkschaft sei, sagt Kalpona. "Kurz nach dem Unfall von Rana Plaza hat die Regierung 400 Gewerkschaften zugelassen, um der Welt zu zeigen: Schaut her, wir haben doch Gewerkschaften, es tut sich etwas bei uns. Aber in Wahrheit funktionieren maximal 50 davon und die auch nur unter größten Schwierigkeiten."

Gewerkschaftler vor Rana-Plaza-Mahnmal | Bildquelle: AFP
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Gewerkschaftler vor Rana-Plaza-Mahnmal

Durchschnittsstundenlohn von 32 Cent

Auch wenn der Mindestlohn nach dem Unglück im Rana Plaza angehoben wurde, verdienen die vier Millionen Näherinnen und Näher in Bangladesch mit am wenigsten weltweit. Der monatliche Mindestlohn liegt bei rund 60 Euro. Das bedeutet einen Durchschnittsstundenlohn von 32 Cent. Die Textilindustrie will daran bis 2019 nichts ändern. Grundsätzlich sei es aber trotzdem gut, dass die Fabriken im Land produzieren, sagt die Gewerkschafterin Akter - die Textilindustrie gebe vor allem Frauen Arbeit und oft auch Selbstvertrauen - auch wenn die Löhne noch unter dem Existenzminimum lägen.

"Ihr könnt auf jeden Fall Sachen aus Bangladesch kaufen, aber kauft mit Verantwortung. Fragt, ob die Arbeitsbedingungen okay sind, werden die Arbeiter anständig bezahlt?" Kalpona geht es vor allem um eine Sache: um Würde.

5 Jahre nach dem Rana-Plaza-Einsturz
Jürgen Webermann, ARD Neu-Delhi
24.04.2018 07:10 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 24. April 2018 Deutschlandfunk Kultur um 06:09 Uhr, Deutschlandfunk um 07:50 Uhr und NDR Info um 08:38 Uhr.

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