Embargo soll eingehalten werden Putin lässt West-Lebensmittel vernichten

Stand: 05.08.2015 20:16 Uhr

Viele Russen sind empört. Präsident Putin lässt Nahrungsmittel aus dem Westen vernichten. Joghurt, Käse, Fleisch, Gemüse - Produkte, die seit einem Jahr unter das Embargo fallen und trotzdem ins Land kamen. Viele sind überzeugt, dass der Zoll einen Großteil verkauft.

Von Markus Sambale, ARD-Studio Moskau

Bei russischen Behörden herrscht ungewohnter Aktionismus: Sie suchen nach der besten Methode, Fleisch und Fisch, Obst und Gemüse, Milch und Käse aus dem Westen ab heute zu vernichten. Obst und Gemüse unterpflügen, Fleisch und Käse am besten verbrennen, wegen biologischer Risiken, wie eine Sprecherin des zuständigen Aufsichtsamtes erklärte. Man will sogar riesige Verbrennungsöfen kaufen für 90.000 Euro pro Stück.

Die Pläne machen viele Russen zornig, so wie diese Moskauerin: "Ich denke, das ist Blödsinn, völliger Blödsinn. Wie kann man es sich leisten, Lebensmittel zu vernichten? Die sollen an Menschen in Heimen verteilt werden. Lebensmittel zu verbrennen – das verhöhnt die, die sich kein Essen leisten können."

Russland lässt Lebensmittel aus EU und USA vernichten
tagesthemen 21:20 Uhr, 06.08.2015, S. Stuchlik, ARD Moskau

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20 Millionen leben unter der Armutsgrenze

Und davon gibt es in der aktuellen Krisenzeit immer mehr: Mehr als 20 Millionen Russen leben unter der Armutsgrenze. Vernichtet werden soll alles, was seit einem Jahr unter das von Russland verhängte Embargo fällt - aber doch irgendwie illegal ins Land und in einige Läden gelangt: ob französischer Käse, deutscher Joghurt oder spanische Tomaten.

Gemüse in einem Supermarkt | Bildquelle: dpa
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Gemüse in einem Supermarkt

Lebensmittel zu vernichten, das lässt in Russland viele an die dunkelsten Monate aus dem Zweiten Weltkrieg denken. Der Handelsexperte Wasilij Izkow kritisiert die Pläne: "Das ist ein großes moralisches Problem, diese Lebensmittel zu verbrennen. Denn wir erinnern uns an Leningrad und Stalingrad, zu dritt hatte man da eine Woche lang eine einzige Brotkruste zu essen. Für diese Menschen und für ihre Nachkommen ist es barbarisch, Essen zu verbrennen. Barbarisch."

Um welche Mengen es geht, ist übrigens unklar. Bekannt ist, dass der Zoll 26.000 Tonnen Sanktionsware innerhalb der letzen zwölf Monate an der Grenze abgefangen hat. Wie viel gegen Schmiergeld durchgeschmuggelt wurde, weiß aber niemand. Offiziell erlaubt ist nur, kleine Mengen für den privaten Verzehr im Reisegepäck mitzunehmen.

Wird Ware weiter verkauft?

Da der russische Zoll für korrupte Geschäfte bekannt ist, glaubt der Wirtschaftsexperte Stanislaw Belkowskij nicht, dass die neuen Maßnahmen greifen: "Ich bin mir sicher, dass 50, 60 oder sogar 80 Prozent dieser Sanktionswaren nicht vernichtet, sondern weiter verkauft werden. Man wird in die Unterlagen schreiben, die Produkte seien vernichtet, aber in Wirklichkeit wird man sie weiter verkaufen."

Die Anordnung zur Lebensmittel-Vernichtung kam direkt von Wladimir Putin. Nach aller Begeisterung für seinen patriotischen Kurs muss sich der Präsident jetzt dafür von vielen Russen ungewohnt scharfe Kritik anhören.

Putin lässt West-Produkte vernichten - Empörung in der Bevölkerung
M. Sambale, ARD Moskau
06.08.2015 10:26 Uhr

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