Kämpfer der Freien Syrischen Armee halten ihre Waffen in die Luft | Bildquelle: REUTERS

Konflikt in Nordsyrien Pulverfass Afrin

Stand: 21.02.2018 16:40 Uhr

Sollten sich in Syrien Assad-treue Milizen der Türkei entgegenstellen, wäre das eine gefährliche Eskalationsstufe. Auch, weil Russland in der Region größere Ziele verfolgt.

Eine Analyse von Reinhard Baumgarten, SWR

Mit dem Vorrücken von Pro-Assad-Milizen auf Afrin ist die ohnehin schon unübersichtliche Lage im Bürgerkriegsland Syrien noch verworrener und gefährlicher geworden. Bei den Milizen, die der syrisch-kurdischen YPG zu Hilfe eilen, handelt es sich um Angehörige der sogenannten Nationalen Verteidigungsheinheiten - kurz NDF. Die NDF in Syrien sind ein auf syrische Verhältnisse zugeschnittener Ableger der iranischen Basidsch-Milizen.

Der Iran ist seit Ausbruch des Krieges die wichtigste Stütze des Assad-Regimes. Ohne finanzielle, wirtschaftliche und vor allem militärische Hilfe der Islamischen Republik hätten die Assad-Gegner den Konflikt längst für sich entschieden.

Der Iran mischt seit Jahren mit Revolutionswächtern in Syrien mit. Dort setzt die Regierung in Teheran zudem die 2014 ins Leben gerufene und "Liwa Fatemiyoun" genannte Söldnertruppe ein, der mehr als 12.000 schiitische Kämpfer aus Afghanistan, dem Irak und Pakistan angehören. Der Sold für diese Kämpfer liegt bei 500 bis 800 Dollar im Monat. An die 2000 "Fatemiyoun"-Söldner sollen bereits gefallen sein.

Türkisches Militär und Kämpfer der FSA in der Nähe von Afrin | Bildquelle: AP
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Türkisches Militär und Kämpfer der Freien Syrischen Armee in der Nähe von Afrin.

Russlands wichtigstes Ziel: die USA aus Syrien zu drängen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat in den vergangenen Tagen wiederholt erklärt: Jeder, der der "terroristischen YPG zu Hilfe eilt, wird bekämpft". Der gestrige Vorstoß von Assad-treuen NDF-Milizen, so behauptet Ankara, sei zurückgeschlagen worden. Aus Afrin hingegen werden Meldungen verbreitet, die NDF-Kämpfer seien angekommen und hätten Position bezogen. Sollten sich vom Iran gesteuerte Milizen tatsächlich entschlossen der türkischen Invasion entgegenstellen, hätte der Krieg in Syrien eine neue, brandgefährliche Eskalationsstufe erreicht.

Der Iran hat den Feldzug der Türkei wiederholt verurteilt und zu einem Ende der Kampfhandlungen aufgerufen. Die Regierung in Teheran will ihre bereits starke Position in Syrien weiter ausbauen und verhindern, dass die Türkei Fuß fasst. Es ist davon auszugehen, dass der Iran in Absprache mit Russland handelt.

Die russische Regierung spielt derzeit in Syrien aber das undurchsichtigste Spiel. Russlands Eingreifen im September 2015 läutete die Wende zugunsten Assads ein. Unter dem Vorwand, den sogenannten "Islamischen Staat" (IS) in Syrien bekämpfen zu wollen, haben russische Kampfflugzeuge Assads Gegner in Grund und Boden gebombt. Der Iran und seine zahlreichen Fußtruppen waren schließlich im Bodenkrieg willfährige Vollstrecker.

Russlands wichtigstes Ziel im Syrienkonflikt besteht darin, die USA aus Syrien zu drängen und deren Rolle als Mittler und Garantiemacht im Nahen Osten zu übernehmen. Dabei setzt der Kreml wechselweise auf den Iran, die Türkei und die syrischen Kurden.

Der Türkei droht ein verlustreicher Bodenkrieg

Moskau - in Treue fest an Assads Seite - hatte der YPG im Vorfeld des türkischen Angriffs auf Afrin ein Ultimatum gestellt: Stationierung von Regierungstruppen in Afrin und Übergabe von Macht und Verwaltung an Damaskus. Die YPG hat das Ultimatum verstreichen lassen und Erdogan bekam von Moskau durch den Abzug der russischen Militärs aus Afrin grünes Licht für seinen Waffengang.

Mehrfach schon hat Russland während der sogenannten "Operation Olivenzweig" den Luftraum über Afrin gesperrt und damit Bombardierungen durch türkische Kampfjets verhindert. Es ist durchaus denkbar, dass Russland Afrins Luftraum ganz oder teilweise für türkische Lufteinsätze sperrt, wenn sich von Teheran gelenkte Assad-treue Milizen gegen Ankaras Truppen und die zu einem guten Teil aus Islamisten und Dschihadisten bestehenden Milizen der Freien Syrischen Armee stellen. Das türkische Militär würde dadurch einen wichtigen Vorteil gegenüber der YPG einbüßen und müsste sich auf einen verlustreichen Bodenkrieg einlassen.

Sollte die YPG in Afrin mit vom Iran gelenkten Milizen kooperieren, wäre das hart für die Türkei und zudem ein Affront gegen Washington. Die USA haben die YPG als nützliche Bodentruppe im Kampf gegen die Terrormiliz IS ausgerüstet und gelobt, an der Seite der YPG zu bleiben, sollte die Türkei andere von der YPG kontrollierte Gebiete im Norden Syriens angreifen. Neben der vollständigen Eliminierung des IS ist die Zurückdrängung von Teherans Einfluss in Syrien das wichtigste Ziel der Trump-Administration. In Syrien könnte sich wiederholen, was dem Iran im Irak mittels der Hashad al-Scha’abi genannten Volksmobilisierungseinheiten bereits gelungen ist: Washingtons weitgehende Marginalisierung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Februar 2018 um 12:12 Uhr.

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