Internationale Titelseiten nach dem Wahlsieg Macrons | Bildquelle: AFP

Presseschau zu Macron "Erleichterung - so laut wie Silvesterböller"

Stand: 08.05.2017 08:33 Uhr

"Ein Sieg der Vernunft" - die internationale Presse hat den Sieg Macrons überwiegend erleichtert kommentiert: "Jedes andere Ergebnis wäre eine europäische Katastrophe gewesen", heißt es etwa. Der "Trumpsche Populismus scheint seinen Höhepunkt überschritten zu haben".

"Le Figaro" (Frankreich): "Wir sollten uns nicht täuschen: Das Frankreich Macrons, dieses positive, dynamische, reformorientierte Land, das offen für Europa ist, existiert und es ist glücklich über seinen Sieg. Aber es repräsentiert in Wirklichkeit nur ein Viertel der Franzosen. Fast die Hälfte der Bürger zählt zu den Anhängern der Rechtspopulistin Marine Le Pen oder aber des Linkspolitikers Jean-Luc Mélenchon. Sie stehen den Werten von Macrons Frankreich feindlich gegenüber."

"FAZ": "Der Albtraum ist nicht Wirklichkeit geworden: Eine Rechtsextreme zieht nicht in den Élysée-Palast ein. Der westlichen Welt, Europa bleibt ein weiteres politisches Erdbeben, nach Brexit und Trump, erspart. Die Stoßseufzer der Erleichterung sind so laut wie Silvesterböller, weil die große Mehrheit der französischen Wähler der Stimme der Vernunft und nicht der Propaganda des aggressiven antideutschen Nationalismus gefolgt ist."

"Eher ein Grund zur Erleichterung denn zur Freude"

"Süddeutsche Zeitung": "Emmanuel Macron verschafft Frankreich und Europa einen sehnlich erwarteten Moment der Erleichterung. Seine Wahl zum Präsidenten zeigt, dass Rechtspopulisten und Nationalisten Grenzen gesetzt sind in Europa. Diese Grenzen haben zwar auch bereits Wähler in Österreich und in den Niederlanden gezogen. Das Signal aus Frankreich aber ist ungleich wichtiger."

"The Guardian" (Großbritannien): "Jedes andere Ergebnis wäre eine europäische Katastrophe gewesen, und ausnahmsweise - Gott sei Dank - lagen die Meinungsumfragen richtig. Emmanuel Macron hat Marine Le Pen beiseite gefegt, um Frankreichs nächster Präsident zu werden. Aber sein Sieg ist eher ein Grund zur Erleichterung denn zur Freude. (...) Er hat nun fünf Wochen Zeit bis zur ersten Runde der Parlamentswahlen, die ihn zu einem präsidentiellen Gefangenen einer feindlichen Nationalversammlung in einer Kohabition machen könnten, die sich Frankreich kaum leisten kann. Letztlich besteht seine Herausforderung nun darin, Wahlkampf in Regieren und Slogans in Taten umzusetzen."

Mann in Mumbai liest Zeitung mit Macron auf dem Titel | Bildquelle: AFP
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Auch in Indien schaffte es die Frankreich-Wahl auf die Titelseiten.

"Macrons EU-Bild entspricht nicht Zeitgeist"

"De Telegraaf" (Niederlande): "Macron will den stotternden französischen Motor - das Land bleibt schon seit Jahren hinter Deutschland und den Niederlanden zurück - unter anderem durch eine Verkleinerung das Staatsapparats und niedrigere Arbeitgeberabgaben wieder in Schwung bringen. Sollte es ihm gelingen, Frankreich gesünder zu machen, wird davon auch der Rest Europas profitieren. Natürlich braucht er dafür einen langen Atem. Allerdings hat Macron auch europafreundliche Züge, die zum französischen Wunschtraum passen, mehr Macht in Brüssel zu konzentrieren. Damit entspricht er nicht dem Zeitgeist." 

"Neue Zürcher Zeitung" (Schweiz): "Zuletzt hat doch noch die Vernunft gesiegt im Lande Descartes'. Manche hatten schon daran gezweifelt in diesem verrückten Wahlkampf voller Überraschungen. Jetzt steht fest: Emmanuel Macron ist der neue Präsident Frankreichs. Allerdings startet er als schwacher Präsident, aus persönlichen wie aus institutionellen Gründen. Macrons Zielsetzungen und Überzeugungen scheinen merkwürdig unbestimmt - hat er überhaupt solche, mag man sich fragen. Viele Bürger haben ihn nicht gewählt, weil er sie mit seiner Person und seinem Programm hätte gewinnen können, sondern, weil sie die Gegenkandidatin ablehnten. Seine Anhänger hoffen jedoch, dass der neue Präsident mit seiner jugendlich wirkenden Frische einen politischen Neubeginn in Frankreich ermöglichen werde."

"New York Times" (USA): "Der Sieg von Emmanuel Macron bei der französischen Präsidentschaftswahl ist dramatisch und beeindruckend, doch vor ihm liegen nun beträchtliche Herausforderungen. (...) Die entschiedene Wahl von Emmanuel Macron (...) zum Präsidenten Frankreichs ist eine mächtige Erleichterung für jeden, der Angst gehabt hatte, dass Frankreich das nächste Land werden könnte, das der durch westliche Demokratien schwappenden Welle von Populismus, Nationalismus und Anti-Globalisierung erliegen könnte. Doch so dramatisch und eindrucksvoll sein Sieg ist - vor Herrn Macron liegen beträchtliche Herausforderungen. Er übernimmt eine tief gespaltene Nation."

"Vorbild Schröder?"

"Times" (Großbritannien): "Emmanuel Macrons Sieg bei der französischen Präsidentschaftswahl war überzeugend. Doch wenn der Konservative François Fillon die zweite Runde erreicht hätte, wäre Macrons Ergebnis niedriger ausgefallen. (...) Die Niederlage von Marine Le Pen scheint für Erste darauf hinzudeuten, dass der Trumpsche Populismus seinen Höhepunkt überschritten hat. Insbesondere, da sie auf eine recht ähnliche Niederlage von Geert Wilders im März in den Niederlanden folgte. Jedoch muss Macron dem französischen Volk nun zeigen, dass er die Alternative ist, auf die es gewartet hat. Gelingt ihm das nicht, steht Marine Le Pen - oder vielleicht auch ein anderer Le Pen - bereit." 

"Tagesanzeiger" (Schweiz): "Wenn er wirklich Reformen durchsetzen will, dann braucht er Koalitionen. Eine einfache Mehrheit bringt ihm nichts. Das mussten seine Vorgänger François Hollande und Nicolas Sarkozy erfahren. Beide haben trotz klaren Mehrheitsverhältnissen gar nichts erreicht. Zu streikerprobt sind die französischen Gewerkschaften, gegen ihren Willen lässt sich nichts verändern. (...) Genau diese Mechanismen muss Macron durchbrechen, wenn er ein erfolgreicher Präsident werden will, denn Frankreich muss Erfolg haben." (...) Wie man den Kreislauf durchbrechen kann, hat Gerhard Schröder in Deutschland gezeigt: weniger Sozialleistungen mit der Gießkanne, dafür echte Anreize, Arbeitsplätze zu schaffen. Das haben in Frankreich schon viele versprochen, doch keiner hat es durchgesetzt."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Mai 2017 um 07:05 Uhr

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