Oscar Pistorius | Bildquelle: dpa

Berufungsgericht verwirft Urteil gegen Ex-Sprint-Star Pistorius droht Gefängnis statt Hausarrest

Stand: 03.12.2015 12:58 Uhr

Der ehemalige Paralympics-Star Oscar Pistorius muss sich auf eine lange Gefängnisstrafe einstellen. Das oberste Berufungsgericht Südafrikas hat heute das mildere Urteil aus erster Instanz aufgehoben. Nun wird das Strafmaß neu verhandelt.

Von Jan-Philippe Schlüter, SWR, ARD-Hörfunkstudio Johannesburg

Das oberste Berufungsgericht hat das zugrundeliegende Urteil von Richterin Thokozile Masipa aus Pretoria heute ziemlich zerpflückt. Richter Eric Leach hat ausführlich dargelegt, was aus Sicht der fünfköpfigen Berufungskammer alles falsch war: "Das Prinzip des Vorsatzes ist falsch interpretiert worden. Und das Gericht hat wichtige Indizien und Zeugenaussagen nicht berücksichtigt", kritisierte Leach.

Im Berufungsverfahren zum Pistorius-Prozess sparte Richter Eric Leach nicht mit Kritik am ersten Urteil. | Bildquelle: dpa
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Richter Eric Leach sparte nicht mit Kritik am ursprünglichen Urteil im Pistorius-Prozess.

Scharfe Kritik am ursprünglichen Urteil

So zum Beispiel die Aussage des Ballistik-Experten der Polizei, Captain Mangena. Der hatte aufwändig gezeigt, dass Reeva Steenkamp in der Toilette kaum eine Chance hatte, den abgefeuerten Kugeln zu entkommen. Auch die Aussage, wonach Oscar Pistorius nicht unbedingt vorhersehen konnte, dass seine Schüsse tödlich sein könnten, wies Richter Leach zurück. Der Angeklagte habe selbst ausgesagt, dass er sich eine großkalibrige Waffe genommen habe, als er ein Geräusch aus der Toilette hörte. "Er hat vier Schüsse durch die Tür gefeuert und nie eine glaubhafte Erklärung dafür geliefert. Ich habe keine Zweifel, dass der Angeklagte beim Abfeuern der Schüsse in Kauf genommen hat, dass die Person hinter der Tür sterben könnte. Er hätte nicht wegen fahrlässiger Tötung verurteilt werden müssen, sondern wegen Totschlags."

Fall Pistorius: "Mord" oder "Totschlag"?

Das südafrikanische Recht unterscheidet zwischen "fahrlässiger Tötung" ("culpable homicide") und "Mord" ("murder"), worunter alle Fälle von "vorsätzlicher Tötung" fallen.

Im Fall Oscar Pistorius hat ein südafrikanisches Berufungsgericht nun entschieden, dass die vorherige Verurteilung des früheren Paralympics-Stars wegen "fahrlässiger Tötung" von Reeva Steenkamp falsch gewesen sei. Wörtlich erklärte der Richter, Pistorius habe sich mit der Tötung seiner Freundin des "Mordes" schuldig gemacht. Nach deutschem Rechtsverständnis entspricht das in diesem Fall am ehesten dem Tatbestand des Totschlags.

Das Berufungsgericht hat den Fall nun zurück an das Gericht in Pretoria verwiesen. Dort soll im nächsten Jahr über das neue Strafmaß entschieden werden. Oscar Pistorius drohen damit 15 Jahre Gefängnis - die Mindeststrafe für Totschlag in Südafrika. Allerdings können bei der Verhandlung zum Strafmaß mildernde Umstände berücksichtigt werden. Außerdem muss die bisherige Strafe von fünf Jahren bedacht werden.

Härteres Urteil gegen Oscar Pistorius
tagesschau 17:00 Uhr, 03.12.2015, U. Neuhoff, ARD Johannesburg

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Frauenverbände und Opfer-Familie erleichtert

Die ANC-Frauenliga, die den Pistorius-Prozess von Beginn an verfolgt hat und der Familie des Opfers Reeva Steenkamp beistand, zeigte sich zufrieden mit dem Urteil. Eine Sprecherin forderte eine harte Strafe und erklärte, alles andere als 15 Jahre Gefängnis wären eine Enttäuschung. "Das Leben von Reeva darf nicht so billig sein. Denken Sie dran: Sie ist am Valentinstag gestorben. Ein Tag, den sie einfach nur genießen wollte."

Die Mutter von Reeva Steenkamp während des Berufungs-Prozesses gegen Oscar Pistorius. | Bildquelle: AP
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Die Mutter von Reeva Steenkamp, June (li.), nach der Verkündung des Urteils.

Reevas Mutter June war heute wieder im Gerichtssaal. Sie hat keine Interviews gegeben. Aber nach dem Urteil ist sie in Tränen ausgebrochen. Sie wirkte, als sei sie sehr erleichtert.

Gefängniszelle statt Luxusvilla

Bis zur Verkündung des Strafmaßes wird Oscar Pistorius wohl weiter im Hausarrest bei seinem Onkel bleiben. Dort sitzt er momentan nach einem Jahr im Gefängnis den Rest seiner Strafe ab. Doch nach dem heutigen Urteil ist klar: Pistorius wird die komfortable Luxusvilla bald wieder gegen eine karge Gefängniszelle eintauschen müssen.

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