Gewehre - darunter auch G3 der Bundeswehr - auf einem Waffenmarkt in Erbil, Nordirak.

Schwarzmärkte im Nordirak Peschmerga verkaufen Bundeswehr-Waffen

Stand: 21.01.2016 17:49 Uhr

Sturmgewehre und Pistolen aus Bundeswehrbeständen, die die Bundesregierung an die kurdische Autonomieregierung im Nordirak geliefert hat, werden dort inzwischen auf Waffenmärkten angeboten. Das zeigen Recherchen von NDR und WDR in der kurdischen Autonomieregion.

Von Volkmar Kabisch, Georg Heil und Amir Musawy

Der Waffenmarkt von Erbil liegt versteckt in den Bergen - etwas außerhalb der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion im Nordirak. Eine holprige Piste führt hierher, Geländewagen umkurven die Schlaglöcher. Es herrscht reger Verkehr. Viele Fahrer tragen die Uniform der Peschmerga, der Streitkräfte der kurdischen Regionalregierung.

Nach einigen Kilometern Fahrt erreichen sie ihr Ziel: den Waffenmarkt. Hier reiht sich ein Marktstand an den nächsten, das Angebot ist reichhaltig: Pistolen und Gewehre verschiedenster Marken und Herkunft. Ein Händler präsentiert seine Ware auf einem braun-weiß gemusterten Sofa: einige Kalaschnikows - und daneben G3-Sturmgewehre, diese Waffen dürften hier eigentlich nicht zu finden sein.

Was geschieht mit den deutschen Waffen?
tagesthemen 22:15 Uhr, 21.01.2016, Georg Heil, Volkmar Kabisch, Amir Musawy, NDR

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Bundeswehr-Sturmgewehre auf dem Schwarzmarkt

Im Sommer 2014 hat die Bundeswehr die ersten ausrangierten Waffen an die Peschmerga geliefert. Sie sollten im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) unterstützt werden. Vorausgegangen war eine lange Debatte darüber, ob gewährleistet werden kann, dass diese Waffen nicht in falsche Hände geraten.

Ein Blick auf die ausgestellten Gewehre genügt, um zu sehen: Die Bedenken waren begründet. Die Herkunft der Waffen ist klar ersichtlich: Unter der Typenbezeichnung, der Seriennummer, dem Herstellerkürzel "HK" - für die deutsche Waffenschmiede Heckler & Koch - und dem Produktionsdatum steht auf den G3 auch das Kürzel "Bw" - "Bw" für Bundeswehr. Zwischen 1450 und 1800 US-Dollar wollen die Händler für die Gewehre haben.

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Bundeswehr-Waffen im Nordirak zum Verkauf

Reporter von NDR und WDR waren im Nordirak unterwegs und haben dort auf Waffenmärkten Gewehre und Pistolen entdeckt, die von der Bundeswehr stammen.

Waffenmarkt in Erbil, Nordirak.

Die Anfahrt zum Waffenmarkt in Erbil im Nordirak ist schwierig.

Originalverpackte Bundeswehr-Pistole auf dem Basar

Auch in Sulaimaniya, der zweitgrößten Stadt der kurdischen Autonomieregion im Irak, werden ehemalige Bundeswehr-Waffen angeboten. In einem Schaufenster auf dem Basar in der Innenstadt liegt ein beiger Karton mit deutsche Beschriftung: "Pistole 9mm" und die "Waffen-NR: 008904". 1200 US-Dollar möchte der Händler für die Walther P1 haben. In das Gehäuse eingraviert ist auch hier das Kürzel "Bw". Auf Nachfrage versichert der Händler, auch das deutsche G36-Sturmgewehr besorgen zu können. Es sei gerade nicht auf Lager, aber er könne es kurzfristig besorgen - Kostenpunkt: 5000 Dollar.

Im vergangen Jahr musste die Bundeswehr bereits einräumen, dass sie nicht wisse, welche Einheiten der Peschmerga ihre Waffen erhalten hätten. Bis zum Sommer hat sie nach eigenen Angaben etwa 12.000 G3, 8000 G36 und 8000 Pistolen P1 mit einigen Millionen Schuss Munition geliefert, außerdem noch Maschinengewehre, Panzerabwehrraketen, Panzerfäuste und Handgranaten. Der Beschluss, die Waffen in den Irak zu bringen, war damals ein Tabubruch. Bis dahin galt die Regel, dass Deutschland keine Waffen in Krisenregionen liefert.

Waffen finanzieren Flucht

Mustafa S. (Name geändert) kommt aus der kurdischen Autonomieregion im Irak. Er hat fast 30 Jahre lang für die Peschmerga gekämpft. Zweimal wurde er im Kampf gegen den IS verwundet. Vergangenes Jahr wurde er 40 Tage lang von der Bundeswehr im Nordirak ausgebildet - ein deutsches G36 kann er mit verbundenen Augen zerlegen, sagt er.

Doch vor vier Monaten hat sich Mustafa S. entschieden, den Krieg hinter sich zu lassen. Er ist mit seiner Familie nach Deutschland geflohen. Finanziert hat er dies mit dem Verkauf einer Waffe - in diesem Fall keinem deutschen Gewehr, sondern einer Kalaschnikow. 1800 US-Dollar habe er dafür bekommen. Sein Cousin habe jedoch sein G36 verkauft - für immerhin 4000 US-Dollar. Mittlerweile seien die Schwarzmarkt-Preise für die deutschen Sturmgewehre jedoch deutlich gefallen, auf unter 3000 US-Dollar, so Mustafa S. Das Angebot sei zu groß geworden.

Aufnahme auf einem Handy von Peschmerga-Kämpfern im Nordirak.
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Mustafa S. zeigt Aufnahmen aus dem Nordirak. Hier hat er für die Peschmerga und gegen den IS gekämpft.

Mustafa S. sagt, er kenne etwa 100 Peschmerga, die in den vergangenen Monaten ihre Waffen verkauft hätten, um zu fliehen. Die Situation sei für viele unerträglich geworden. Der niedrige Ölpreis, ausbleibende Zahlungen der irakischen Zentralregierung und der Kampf gegen den IS, der täglich etwa fünf Millionen Dollar verschlingt, haben die kurdische Autonomieregierung an den Rand des Bankrotts gebracht. Er selbst habe fünf Monate lang keinen Sold erhalten und wusste nicht, wie er Miete, Essen und Medikamente für seine behinderte Tochter bezahlen sollte. Jetzt lebt er mit seiner Frau und ihren sechs Kindern in einem Asylbewerberheim in Ostdeutschland.

Linkspartei verlangt Aufklärung

Jan van Aken, Waffenexperte und Bundestagsabgeordneter der Linkspartei, hatte bereits vor den ersten deutschen Waffenlieferungen davor gewarnt, dass die deutschen Kleinwaffen unkontrolliert auf öffentlichen Märkten landen könnten. Er fühlt sich durch die Recherchen von NDR und WDR bestätigt. "Die Waffenlieferungen sind eigentlich eine Subvention für die Peschmerga, damit sie ihre Reise nach Europa finanzieren können", sagt van Aken. Er fordert Bundesverteidigungsministerin von der Leyen (CDU) auf, keine weiteren Waffen zu liefern und bei der kurdischen Regierung auf Aufklärung zu drängen, wie die deutschen Waffen auf öffentliche Märkte gelangen konnten.

Bundesregierung sieht Verantwortung bei Kurden

Das Bundesverteidigungsministerium erklärte auf Anfrage von NDR und WDR, die Regierung der Region Kurdistan-Irak stehe in der Verantwortung. Sie habe sich zu einer "korrekten Nachweisführung der gelieferten Waffen" verpflichtet und dazu, das gelieferte Material im Einklang mit dem Völkerrecht einzusetzen.

Eine Nachverfolgung einzelner Waffen durch deutsche Kräfte sei weder beabsichtigt, noch möglich, so das Ministerium. "Ein Verkauf einzelner Waffen kann allerdings auch weiterhin nicht mit abschließender Sicherheit ausgeschlossen werden." Dennoch nehme die Bundesregierung sämtliche Meldungen und Hinweise in diesem Zusammenhang auf, um sie umfassend zu prüfen.

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