Eine Herz-Transplantation | Bildquelle: Patrick Hünerfeld / SWR

Transplantationsmedizin Der schnelle Weg zum Spenderorgan

Stand: 02.06.2017 14:29 Uhr

In der Schweiz lassen Ärzte Patienten im Operationssaal sterben, um ihnen Organe zu entnehmen. Das klingt skandalös und ist in Deutschland streng verboten - international aber ist es ein Trend, um an mehr Spenderorgane zu kommen.

Von Patrick Hünerfeld, SWR

Der Operationssaal ist dunkel. Neben den Überwachungsmonitoren flackert eine kleine elektrische Kerze. Ein Angehöriger hält die Hand des Patienten, dessen Brustkorb sich hebt und senkt. "Ich konnte ihn halten, konnte mit ihm reden", sagt Mauro S.

Mauro S. erinnert sich an die Organspende seines Vaters: Der sei wenige Tage zuvor mit schweren Kopfverletzungen nach einem Unfall in das Universitätsspital Zürich gekommen, eines der größten Krankenhäuser in der Schweiz. Der Vater wurde notoperiert - ohne Erfolg.

Strenge Regeln

Von Organspende war zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede. "Bevor wir überhaupt die Organspende diskutieren, muss klar sein, dass der Patient keine Chance hat, medizinisch zu überleben, oder auch, dass er diese Situation so nicht überleben will", sagt der Intensivmediziner Renato Lenherr, der in dem Spital in Zürich für die Organspende verantwortlich ist.

Zuerst muss ein Team von Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen eindeutig zum Ergebnis kommen, dass der Patient keinerlei Überlebenschance mehr hat. Erst dann wird die Möglichkeit einer Organspende geprüft und vor allem, ob eine Organspende dem Willen des Patienten entsprechen würde.

Spende auch nach Herzstillstand

Nur wenn alle diese Bedingungen erfüllt sind, wird untersucht, ob bei dem todgeweihten Patienten wahrscheinlich der Hirntod bei noch schlagendem Herzen eintreten wird. Dann wäre eine "normale" Organspende möglich.

Wenn sich aber zeigt, dass das Gehirn zwar extrem stark geschädigt ist, aber eben nicht komplett zerstört, kommt eine Organspende nach der neuen Methode in Betracht. Die wurde im Jahr 2011 in der Schweiz eingeführt und sieht vor, dass eine Organspende auch nach Herzstillstand durchgeführt werden kann. Das ist aber nur möglich, wenn der Patient nach der Beendigung einer Therapie trotzdem mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell verstirbt.

Der schnelle Weg zum Spenderorgan
Mittagsmagazin 13:00 Uhr, 02.06.2017, Patrick Hünerfeld, SWR

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Neue Methode bringt deutlich mehr Organe

Die Organe sind äußerst empfindlich. Lenherr sagt: "Wenn wir die lebenserhaltende Therapie abstellen, muss das Herz innerhalb von zwei Stunden aufhören zu schlagen, sonst nehmen die Organe einen zu großen Schaden."

Rund zehn Prozent mehr Organspender hat die neue Methode der Schweiz bislang eingebracht. Lenherr hofft langfristig aber auf einen Anstieg um bis zu 30 Prozent. Das ist keine unrealistische Hoffnung. In den Niederlanden werden bereits über die Hälfte aller Organspenden nach Herzstillstand durchgeführt.

Lenherr empfiehlt ein solches Modell auch für Deutschland. Er sagt: "Ich denke, für Deutschland wäre das ganz sicher auch eine gute Möglichkeit, mehrere Organspender zu gewinnen." Er sehe keinen Unterschied in der Intensivmedizin zwischen der Schweiz und Deutschland. "Es ist europaweit ganz klar ein Trend. Die meisten Länder haben zumindest begonnen", so Lenherr. England, Spanien, Holland und Belgien seien führend und würden einen deutlichen Zuwachs der zu transplantierenden Organe aufweisen.

Zum Sterben in den Operationssaal

Für die Organspende wird der todgeweihte Patient in den Operationssaal gebracht. Dort wird im Beisein der Angehörigen - wenn diese das wünschen - die Therapie beendet. Der Patient wird extubiert - also nicht mehr künstlich beatmet. Die Verabreichung der Medikamente, die den Kreislauf aufrecht erhalten, wird eingestellt. Nur Schmerz- und Betäubungsmittel laufen weiter. Damit beginnt der Sterbeprozess. Der Herzstillstand wird per Ultraschall dokumentiert.

So erlebte es auch Mauro S. im Spital in Zürich. "Ich durfte noch das letzte Mal Abschied nehmen von ihm. Ich habe ihn dann nochmals umarmt", erzählt er vom Tod und der anschließenden Organspende seines Vaters.

Diese Art, einen Menschen sterben zu lassen, ist typisch für Intensivstationen - auch in Deutschland. Bei der Organspende nach Herzstillstand ändert sich sozusagen nur der Ort des Sterbens. Nach dem Herzstillstand ist in der Schweiz eine zehnminütige sogenannte "no-touch"-Zeit vorgeschrieben, in der der Körper von niemandem angerührt wird. Anschließend führen zwei erfahrene Ärzte eine kurze Hirntoddiagnostik durch. Das ist eigentlich eine Formsache, denn nach zehn Minuten ohne Herzschlag ist das schwer geschädigte Gehirn des Organspenders ohne Zweifel endgültig abgestorben.

Herz ist besonders empfindlich

Anschließend werden die Organe entnommen - außer dem Herz, das nach zehn Minuten ohne Sauerstoff für eine Transplantation zu stark geschädigt ist.

In Deutschland lehnt derzeit die große Mehrheit der Experten die Organspende nach Herzkreislaufstillstand ab - nicht zuletzt aus Sorge, eine Diskussion darüber könne das Vertrauen der Bevölkerung nach all den Transplantationsskandalen weiter erschüttern. In der Schweiz wurde die Organspende nach Herzstillstand nach einer intensiven gesellschaftlichen Diskussion eingeführt. Diese Diskussion steht uns in Deutschland sicher noch bevor.

Dieser Beitrag lief am 02. Juni 2017 um 13:00 Uhr im ARD-Mittagsmagazin.

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