Dave mit Gitarre

Schmerzmittel-Sucht Wie Heroin im Hirn

Stand: 21.10.2017 09:45 Uhr

In den USA gibt es unzählige Schmerzmittelabhängige - US-Präsident Trump will deshalb sogar den "nationalen Notstand" ausrufen. Dave ist einer der Betroffenen - seit 20 Jahren. Marc Hoffmann berichtet, wie aus einem normalen ein kaputtes Leben wurde.

Von Marc Hoffmann, ARD-Studio Washington

Ein Herzinfarkt warf Dave vor 20 Jahren aus der Bahn. Dann bildete sich auch noch ein quälendes Blutgerinnsel an seinem Oberschenkel. Wochenlang habe er ruhig im Krankenhausbett liegen müssen, erzählt der 46-Jährige. Der Arzt verschrieb ihm Oxycontin - ein starkes Schmerzmittel. Wie auf Knopfdruck ging es ihm besser. Das Ziehen, Zerren und Drücken im Bein war vorbei.

"Am nächsten Tag ging es mir total dreckig"

Was Dave zu dieser Zeit noch nicht wusste: Die Tabletten, die ihm die Ärzte verschrieben haben, machen mit seinem Hirn das gleiche wie Heroin: sie machen süchtig. Nach fünf Monaten will Dave endlich zurück zur Arbeit. Am Abend davor schluckt der gelernte Informationstechniker die letzte Pille.

"Am nächsten Tag ging es mir total dreckig. Mir ist kotzübel gewesen. So schlimm habe ich mich noch nie in meinem Leben gefühlt. Mir ist schwindelig gewesen, mein ganzer Körper hat wehgetan, ich habe wahnsinnig geschwitzt. Ich habe gezittert, ich musste mich übergeben und habe zur selben Zeit Durchfall gehabt", erinnert sich Dave. "Ich habe gedacht, ich muss sterben."

Wohnprojekt für ehemals Süchtige
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Im Champ House findet Dave zu einem normalen Leben zurück.

Pillen dirigierten sein Leben

Nur eine Schmerztablette und Dave ging es schlagartig besser. In diesem Moment erkannte er, dass er wie Millionen andere Amerikaner in die Falle der Sucht geraten war. Bis dahin hatte Dave aus Annapolis im Bundesstaat Maryland ein ganz normales Leben geführt, mit sicherem Job und gutem Einkommen. Nun aber dirigierten die Pillen sein Leben. Die besten Freunde und die Familie sind nicht mehr so wichtig. Die Ärzte spielen plötzlich die Hauptrolle. "Wir nennen das 'doctor shopping' oder auch Ärzte-Hopping. Ich bin dazu übergegangen, verschiedene Ärzte mit unterschiedlichen Geschichten aufzusuchen. So habe ich all die Medikamente und Rezepte bekommen."

Ärzte verschreiben leichtfertig

Viele Jahre pendelte Dave von Arzt zu Arzt - zu leichtfertig griffen die Behandler zum Rezeptblock. Und: Jahrelang verharmlosten Medikamentenhersteller wie Purdue Pharma die Suchtgefahr. Dave zog rechtzeitig die Notbremse. Mehrere Male versuchte er sich von seiner Medikamentensucht loszureißen - und scheiterte zunächst. Im vergangenen Jahr dann ein neuer Anlauf. Nach einer Entgiftung im Krankenhaus hatte Dave großes Glück und bekam einen der wenigen Plätze in einem speziellen Wohnprojekt für Süchtige. "Das Leben hier im Entzug ist sehr viel besser als alles, was ich in den vergangenen zwanzig Jahren während meiner Sucht je erlebt habe. Ich bin jetzt wieder aktiv. Ich habe zum ersten Mal wieder ein soziales Leben", berichtet er.

Angst vor dem Rückfall

Doch Dave hat weiter große Angst vor einem Rückfall. Um Schmerzmittel jeder Art macht er nun einen großen Bogen. "Ich habe erst wieder lernen müssen, das Leben so wahrzunehmen, wie es nun einmal ist." Das Risiko eines Rückfalls wird Dave allerdings für den Rest seines Lebens begleiten.

Nach einer Operation in die Sucht - eine typische US-Drogenkarriere
Marc Hoffmann, ARD Washington
21.10.2017 06:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. August 2017 um 15:35 Uhr.

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