Christian Kern | Bildquelle: dpa

Wahlkampf in Österreich Kanzler Kern in Not

Stand: 20.08.2017 09:59 Uhr

Zwei Monate vor der Wahl in Österreich sieht es nicht gut aus für Bundeskanzler Kern von der SPÖ. Eine Affäre um einen Berater belastet ihn, auch findet er kein Mittel gegen Außenminister Kurz von der ÖVP. Der beherrscht die Schlagzeilen.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Ein Schlagabtausch im Internet: "Sebastian Kurz will also die Steuern um 14 Milliarden Euro senken. Aber für wen? Für Millionäre, Banken und Konzerne? Oder für die Mittelschicht? Was wir bisher über die Liste Kurz/ÖVP wissen, lässt nichts Gutes erahnen."

Die Replik: "Die Bundespolitik ist vor allem davon geprägt, dass man sich gegenseitig anpatzt und versucht, den Anderen schlecht zu machen. Und keine Sorge: Ich bin nicht naiv, ich bin mir durchaus bewusst, das wird im Wahlkampf noch mehr werden, und es wird vor allem immer schmutziger werden."

Willkommen im österreichischen Wahlkampf: Auf Facebook attackieren die Sozialdemokraten um Bundeskanzler Christian Kern den gegenwärtigen politischen Shootingstar der Konservativen, Außenminister Sebastian Kurz als kaltherzigen Verbündeten der Reichen und Mächtigen. Und Kurz, der am Sonntag der kommenden Woche 31 Jahre alt wird, kontert mit der treuherzig doppelbödigen Beteuerung, Schmutz würden nur die Anderen werfen.

Christian Kern | Bildquelle: dpa
galerie

Ob das Hochkrempeln der Ärmel hilft? Christian Kern muss kämpfen.

Der FPÖ die Themen entwendet

Konsequent hat der neue Parteichef der österreichischen Volkspartei in den vergangenen zwei Jahren die Themenbereiche Flüchtlingspolitik und Schutz der EU-Außengrenzen besetzt, sehr zum Verdruss der rechtsnationalen Freiheitlichen unter FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Ihm sind dadurch zu Beginn der heißen Wahlkampfphase einiger seiner Hauptthemen verloren gegangen.

Zudem hat Sebastian Kurz auf seine nach ihm benannte "Liste Kurz/ÖVP" einen bunten innenpolitischen Mix von Kandidaten zusammengestellt - allein auf den ersten acht der zehn Plätze sind sogenannte "Quereinsteiger". Die alte Volkspartei ÖVP ist passé.

Kurz verkörpert die Personalisierung der Politik, hält sich derzeit noch mit konkreten wirtschafts- und sozialpolitischen Aussagen zurück. Dafür wird mehr das rot-weiß-rote Zusammengehörigkeitsgefühl betont. Für alle Österreicher sei es ein "Segen", sagt der Minister, in einem "wunderschönen Land" leben zu dürfen. Aber: "Es wird nur ein wunderschönes Land bleiben, wenn wir Probleme, die es gibt, nicht schön reden, sondern wenn wir Wahrheiten aussprechen."

Mikrophone umringen Christian Kurz | Bildquelle: AP
galerie

Versteht sich auf den Umgang mit den medien: Sebastian Kurz.

Nur nicht zu konkret werden

Dass sich Kurz mit konkreten Programmansagen zurückhält, beobachtet auch der renommierte Politikberater Thomas Hofer. Er hält Kurz etwa in der Wirtschafts- und Sozialpolitik für angreifbar. "Natürlich hat auch Sebastian Kurz Verwundbarkeiten, hat auch er weiße Flecken, und dann müsste die SPÖ einfach stärker reinstoßen, will sie da diese doch recht große Kluft in den Umfragen noch schließen."

Noch muss SPÖ-Bundeskanzler Kern mühsam die Wellen glätten, die durch die vorläufige Festnahme seines Wahlkampf-Mitarbeiters Tal Silberstein in Israel wegen Korruptionsverdacht und des Verdachts der Geldwäsche entstanden sind.

Nein, so versichert Kern am Ende dieser für ihn turbulenten Woche: Die Affäre Silberstein belaste den Wahlkampf der Sozialdemokraten nicht. Die "Wahlkampflinie" sei im Team entwickelt worden, sie werde fortgesetzt und er sei zuversichtlich, dass es ein erfolgreicher Wahlkampf werde.

Tal Silberstein nach seiner Verhaftung in Israel | Bildquelle: AFP
galerie

Galt als Wunderwaffe unter den Politikberatern - nun ist er für die SPÖ zur Belastung geworden: Tal Silberstein

Kein Unterschied mehr erkennbar?

Die Sozialdemokraten, so ätzt der ehemalige Grünenpolitiker Peter Pilz, stellten kein "Gegengewicht" mehr zu Kurz und FPÖ-Chef Strache dar. Kern und seine Sozialdemokraten seien schon "fast draußen", twitterte Pilz.

Bei seinen Grünen hatte Pilz, der jahrzehntelang für sie im Parlament  saß, keinen Listenplatz mehr erhalten. Die Lösung: Er gründete seine eigene Liste, die "Liste Peter Pilz".

Alles Kurz und Kern oder was? Themen und Trends im österreichischen Wahlkampf
C. Verenkotte, ARD Wien
20.08.2017 09:11 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 20. August 2017 um 16:36 Uhr.

Darstellung: