Van der Bellen | Bildquelle: dpa

Porträt Van der Bellen Der bedächtige Professor

Stand: 04.12.2016 01:42 Uhr

Von seinem Privatleben ist nicht viel bekannt - politisch ist Österreichs Ex-Grünen-Chef Van der Bellen ein Mann der leisen Töne. Ein überzeugter Europäer, der auch im bürgerlichen Lager viele Anhänger hat. Seine Schwäche: Ihm fehlt manchmal der Biss.

Von Ralf Borchard, ARD-Studio Wien

Er ist zurückhaltend, sachlich, nachdenklich. Und er ist die Hoffnung all derjenigen, die einen Präsidenten der FPÖ - Parteifarbe blau - verhindern wollen. Alexander Van der Bellen: 72 Jahre, Wirtschaftsprofessor, früher elf Jahre lang Parteichef der Grünen. "Ich glaube, was die Mehrheit der Österreicher nicht will, ist eine blaue Republik, mit einem blauen Bundespräsidenten, einem blauen Bundeskanzler", sagt Van der Bellen, weil viele einen FPÖ-Bundespräsidenten als ersten Schritt zu einer auch FPÖ-geführten Regierung sehen. Vor der ersten Wahlrunde zum Präsidentenamt galt Van der Bellen lange als Favorit. Vor allem weil er, ähnlich Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg, als Grüner auch im bürgerlichen Lager viele Anhänger hat.

"Ich bin ein Flüchtlingskind"

Van der Bellen weiß, dass er die breite Mitte braucht. Er plakatierte deshalb groß den Begriff Heimat, daneben war er etwa mit seinem Hund im heimischen Kaunertal zu sehen: "Es ist kein Privileg irgendeiner Partei, Heimat für sich zu vereinnahmen", sagt er. "Wie Sie wissen, bin ich auch ein Flüchtlingskind. Österreich hat mir Heimat gegeben, zuerst Tirol, dann ganz Österreich - das ist mir wichtig."

Sein Vater war einst aus Russland über Estland nach Österreich geflohen. Aus seiner Familiengeschichte erklärt sich auch die offene Haltung gegenüber heutigen Flüchtlingen: "Bei Menschen, die vor Krieg und Tod flüchten, sollten wir die Menschenrechte, die entsprechenden europarechtlichen Verpflichtungen, einhalten."

Überzeugter Europäer

Van der Bellen ist überzeugter Europäer. Trotz der EU-Skepsis, die sich in Umfragen in Österreich immer wieder zeigt, will er als Bundespräsident für die EU werben: "Ich würde jede Gelegenheit nutzen, darauf hinzuweisen, dass Frieden, Freiheit, Wohlstand und Sicherheit für die Mitgliedstaaten der Europäischen Union im Gemeinsamen weit besser aufgehoben sind, als wenn jeder Nationalstaat das alleine für sich versuchen würde."

Van der Bellen ist passionierter Raucher, hält sein Privatleben aber sonst lieber fern der Öffentlichkeit. Seine zweite Frau, die er kurz vor Beginn des Wahlkampfs geheiratet hat, hält sich stark zurück, gibt keine Interviews. Nur in einem Wahlkampf-Video wirbt Doris Schmidauer, Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion im Parlament, öffentlich für ihren Mann: "Ich glaube, dass mein Mann jemand ist, der einfach gut zuhören kann und der nichts verspricht, was er nicht halten kann."

"Es fehlt ihm gelegentlich der Biss"

Die Schwäche, die Van der Bellen im Wahlkampf zeigte: Er hat sich vom rhetorisch versierten FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer immer wieder in die Ecke drängen lassen. Die Kommunikationsexpertin Ingrid Amon formuliert es so: "Es fehlt gelegentlich ein bisschen der Biss, es dürfte eine Spur dynamischer sein. Manches Mal sind seine Pausen so lang, dass man das Gefühl haben könnte, er hat den Faden verloren. In Wirklichkeit denkt er natürlich wahrscheinlich nur nach."

Am Ende dieses Dauerwahlkampfs wirkt Van der Bellen tatsächlich auch etwas müde und erschöpft. Er hat eine Menge prominente Unterstützer aus Kultur und Politik, von André Heller bis zu Bundeskanzler Christian Kern. Die große Frage ist, ob das für einen zweiten knappen Sieg in der Präsidenten-Stichwahl reicht.

Der bedächtige Professor: Porträt Alexander Van der Bellen
R. Borchard, ARD Wien
03.12.2016 13:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Dezember 2016 um 23:11 Uhr

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