Kinder im Flüchtlingslager im Nordirak

Reportage aus dem Nordirak Kinder als Zeugen des Tötens

Stand: 12.11.2016 23:05 Uhr

Sie haben alles miterlebt, das Töten und die Folter des "Islamischen Staates". Sie mussten den Tod eigener Verwandter mitansehen und selbst dem IS entkommen - viele Kinder in den Flüchtlingslagern im Nordirak sind schwer traumatisiert.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Sie spielen mit den Schraubverschlüssen von Plastikflaschen. Sie haben sie in den Sand gelegt und versuchen, mit einem Stein möglichst viele Deckel zu treffen. Die Kinder im Flüchtlingslager, wenige Kilometer vor Mossul. Spielzeug haben sie nicht. Sie alle sind mit ihren Familien vor dem "Islamischen Staat" geflohen und haben in den vergangenen Jahren die Terrormiliz hautnah miterlebt.

"Einen Verwandten von uns haben sie zerstückelt", erzählt Rakan, zwölf Jahre alt. "Sie sagten, er sei ein Spion. Wer keinen Bart trägt, dem schneiden sie den Kopf ab." Er habe zugeschaut, sagt er.

Ein kleiner Junge zeigt, wie  Hände abgehackt wurden, hier kurz über dem Handgelenk. Oder Füße. Sie klingen stolz dabei, geben an, ein bisschen wie Kinder in Deutschland, wenn sie sich gegenseitig ihre neuen Handys zeigen.

"Was ist der IS für euch?", wollen wir wissen. Die Kinder zucken mit den Schultern. "IS heißt Schlachten", sagt einer. Ein kleiner Junge, vielleicht fünf, singt ein Lied über den Anführer des IS, den selbsternannten Kalifen Abu Bakr al Bagdadi und hüpft dazu herum. Alles, was Spaß macht, sei unter dem IS verboten gewesen, Ball spielen ebenso wie tanzen oder Musik.

Kinder im Flüchtlingslager im Nordirak (Anna Osius/ARD)
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Vorne spielen die Kinder, hinten brennen die Ölquellen: Szene aus einem Flüchtlingslager bei Mossul

Viele Kinder sind zu traumatisiert zum Spielen

Vor einem abgetrennten Bereich im Flüchtlingslager drängeln sich Hunderte Kinder. Sie wollen in die Zelte, aus denen Musik dringt. "Das ist die Kinder-freundliche-Zone des Flüchtlingslagers", erklärt ein Helfer. Wir machen dort einige Aktivitäten, um die vielen Kinder hier abzulenken. "Hier können sie mal spielen, tanzen, Musik hören."

Aber, so sagen die Helfer: Viele Kinder seien zu traumatisiert, um überhaupt zu spielen. Auch zur Schule gingen viele offenbar nicht unter dem IS, sagen Beobachter. Es gab vor allem Unterricht in Waffenkunde und die Erklärungen, wie man Sprengfallen baut.

Die Vereinten Nationen warnen: Der IS habe in seinem Kampf um Mossul gezielt Kinder rekrutiert. Die Dschihadisten hätten die Herausgabe aller Jungen ab neun Jahren gefordert. Dies sei eindeutig eine Rekrutierung von Kindersoldaten.

Doch offenbar kämpfen auch auf der anderen Seite Minderjährige in diesem Krieg: Menschenrechtsorganisationen berichten von sunnitischen Milizen, die in die Flüchtlingslager kommen, um neue Kämpfer gegen den IS zu rekrutieren, darunter auch 15-, 16-, 17-jährige Teenager.

"Diese Milizen sind Verbündete der irakischen Armee", so Belkis Wille von Human Rights Watch. Das heißt, es geschieht mit Wissen der irakischen Regierung. Auch die Anti-IS-Koalition, die Amerikaner, sehen die jungen Kämpfer, die Teenager an der Front. Es ist ein klarer Verstoß gegen das internationale Verbot gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Die irakische Regierung weist diese Vorwürfe zurück.

Den kleinen Bruder allein beerdigt

Auch Ahmed würde am liebsten gegen den IS kämpfen und Rache nehmen, sagt er. Er sitzt in einem Zelt im Flüchtlingslager, auf dünnen Matratzen, neben seinen Eltern. Ahmed ist 17. Nur mühsam und mit Tränen in den Augen kann er erzählen, was er erlebt hat: Er war mit seinem kleinen Bruder unterwegs, als der zwölfjährige Mohammed auf eine Mine trat.

"Wie die Mine explodierte, weiß ich nicht mehr. Ich sah meinen Bruder am Boden liegen, er war schwer verletzt, blutete überall. Ich habe ihn hochgenommen und bin losgerannt. Ich habe selber aus Ohren und Nase geblutet, konnte durch die Explosion nichts mehr hören. Ich habe ihn auf meinen Händen getragen und bin nur noch gerannt, gerannt, gerannt, bis ich ein Auto gefunden habe, das uns hierhergebracht hat. Mein Bruder ist in meinen Armen gestorben. Er war zwölf. Ich habe ihn hier alleine beerdigen müssen. Es war die Hölle, einfach die Hölle."

Der Flüchtling Ahmed
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Ahmed konnte seinen schwer verletzten Bruder nicht retten. Jetzt muss er sich um die Familie kümmern und kann nicht zur Schule.

Ahmed war völlig allein, erst Tage später konnten seine Eltern ebenfalls vor dem IS fliehen und nachkommen ins Flüchtlingslager. Doch beide sind durch den Krieg schwer krank, Ahmed muss das Familienoberhaupt ersetzen, seine sechs kleinen Geschwister versorgen, Geld verdienen.

Mit gerade einmal 17 Jahren liegt mehr Verantwortung auf seinen Schultern als manch Erwachsener tragen könnte. Eigentlich würde Ahmed gerne eine Schule besuchen, aber das geht nicht. Mit 17 Jahren kann er weder lesen noch schreiben. "Ich habe keine Chance", sagt Ahmed und wischt sich heimlich die Tränen aus den Augen. Ein Familienoberhaupt weint schließlich nicht.

Aus der Kleidersammlung im Camp hat er ein T-Shirt bekommen. Es ist ein gespendetes, altes Trikot. Deutscher Fußballbund steht darauf und hinten Özil. "Wer ist das?", fragt Ahmed. Er hat schon lange kein Fußball mehr gespielt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. November 2016 um 20:00 Uhr.

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