Eine Frau in Nigeria | Bildquelle: REUTERS

Boko-Haram-Opfer missbraucht Von einem Alptraum zum nächsten

Stand: 25.05.2018 20:35 Uhr

Der Bericht basiert auf mehr als 250 Interviews, die Vorwürfe sind hart: Amnesty International bezichtigt Nigerias Militär, Opfer der Terrormiliz Boko Haram vergewaltigt und misshandelt zu haben.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika

Osai Ojigho, Leiterin von Amnesty International Nigeria, benennt die Vorwürfe gegen das Militär klar und hart: "Anstatt beschützt zu werden, erlitten Frauen und Mädchen Vergewaltigungen, wenn sie Unterernährung und Hunger entgehen wollten."

Notlage ausgenutzt

Eine der Betroffenen sagte den Interviewern von Amnesty International, Soldaten hätten die Frauen mit Nahrung unter Druck gesetzt. "Wir dachten an unsere Kinder, die wegen des Hunger weinten. Wenn Du das Essen genommen hast, kam der Soldat und wollte Sex. Wenn Du abgelehnt hast, vergewaltigte er Dich."

Die Menschenrechtsorganisation hat in 250 Interviews dokumentiert, was sich in Vertriebenenlagern in Nordost-Nigeria zwischen 2015 und 2016 abgespielt haben soll. Das Militär brachte in solchen Camps Menschen unter, die sie aus der Gewalt der Terrormiliz Boko Haram befreit hatten. In diesen vom Militär kontrollierten Lagern habe es sexuellen Missbrauch, mangelnde Versorgung und willkürliche Festnahmen und Misshandlungen gegeben.

Von einem Albtraum zum nächsten

Amnesty-Mitarbeiterin Lauren Aarons sagte, sie habe in den Interviews mit Frauen immer wieder gehört: "Die Frauen erzählten, sie seien von einem Albtraum in den nächsten geraten. Sie seien Boko Haram entkommen, aber dann sei es noch schlimmer gekommen."

Zwischen Herbst 2015 und Sommer 2016 hätten in einigen der untersuchten Vertriebenen-Lager unhaltbare Zustände geherrscht: willkürliche Gewalt gegen Männer zwischen 14 und 40 Jahren. Sie seien pauschal verdächtigt worden, mit den Boko Haram-Terroristen zusammenzuarbeiten. Sexueller Missbrauch von Frauen und Hunger, weil Nahrungsmittel fehlten. Tausende seien in den Camps gestorben, sagte Amnesty-Mitarbeiterin Aarons.

Neue Belege für Vorwürfe von 2016

Amnesty will mit der umfangreichen Dokumentation Vorwürfe ausführlicher belegen, die schon 2016 erstmals erhoben worden waren. Das nigerianische Militär und die Regierung hatten damals versprochen, die Anschuldigungen zu untersuchen. Viele Frauen haben auch tatsächlich vor einer Regierungskommission ausgesagt, deren Bericht im vergangenen Februar dem nigerianischen Präsidenten übergeben wurde. Was in diesem Bericht steht, ist aber nie veröffentlicht worden. Ob juristische Konsequenzen gezogen wurden, ist unklar.

Jetzt, nach dem neuen Amnesty-Bericht, veröffentlichte das nigerianische Militär eine schriftliche Stellungnahme. Darin heißt es wörtlich: "Es muss Schluss sein mit diesen falschen Berichten, die geeignet sind, die gute Arbeit unserer patriotischen und selbstlosen Soldaten zu beeinträchtigen."

Nigerias Militär dementiert

Amnesty International wird in der Mitteilung des nigerianischen Militär-Hauptquartiers aufgefordert, keine Berichte mehr "zusammenzuschustern“, die das gesamte Militär und die Nation demoralisieren könnten. Einen Kommentar vor Kamera oder Mikrofon gab es nicht.

Ojigho, die Leiterin von Amnesty in Nigeria, sagte, ihre Organisation habe das Militär im Februar über die Rechercheergebnisse informiert: "Bis heute, bis zur Veröffentlichung des Berichts, haben wir keine Antwort erhalten."

Nigerias Militär soll Boko-Haram-Opfer missbraucht haben
Jens Borchers, ARD Rabat
25.05.2018 19:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 25. Mai 2018 um 17:22 Uhr.

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