Verschmutzung im Nil: Einleitung Chemiewerk Assuan | Bildquelle: ARD-Studio Kairo

Mythos Nil - Teil 5 Wo der Dreck in den Nil kommt

Stand: 30.11.2017 00:34 Uhr

Bis Assuan ist der Nil sauber, doch dann ändert sich das schlagartig. Fabriken leiten ihre Abwässer ein, der Nil beginnt zu stinken. Wer in Ägypten wagt, das anzuprangern, kann Probleme bekommen. Das bekam jüngst selbst eine äußerst populäre Sängerin zu spüren.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

"Hast du nicht einmal vom Nil getrunken?", singt die ägyptische Star-Sängerin Shirin in einem ihrer bekanntesten Lieder. Doch kürzlich der Skandal: Als sie bei einem Konzert aufgefordert wird, das Lied anzustimmen, sagt sie: "Trinkt lieber nicht vom Nil, sonst bekommt ihr Bilharziose. Trinkt lieber Mineralwasser."

Bilharziose ist eine Wurm-Infektionskrankheit, deren Erreger im warmen Süßwasser lauern, zum Beispiel in den Seitenkanälen des Nils. Was als Scherz gemeint war, hat in Ägypten für Shirin dramatische Folgen: Sie wird als Sängerin boykottiert, die Sender spielen ihre Lieder nicht mehr, gegen sie läuft ein Gerichtsverfahren. Alles nur, weil sie den Nil - den Nationalstolz der Ägypter - als krankheitsbringend dargestellt hat.

Beißender Gestank raubt einem den Atem

Abwasserrohre zum Nil | Bildquelle: ARD Kairo
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Bei Assuan enden die Abwasserrohre einer Düngemittelfabrik am Nilufer.

Doch genau das ist das Problem: Die Lebensader Ägyptens sei verseucht, sagen Experten. Große Röhren enden im Norden Assuans am Nilufer, Abwasser strömt in den Fluss. Beißender Gestank schlägt einem entgegen, raubt den Atem. Jahrelang leitete hier die Düngemittelfabrik Kima ihre Abwässer in den Nil. Heute komme das Abwasser in eine Wiederaufbereitungsanlage, betont Kima. Doch Fakt ist: Am Nil stinkt es nach Chemie.

"Das Nilwasser ist bis Assuan relativ sauber. Man sieht, wie schön klar und blau es ist", sagt Ahmed Zaki Abu Kenez, der eine Umweltorganisation zum Schutz des Nils leitet. "Aber schau dir den Nil ab Assuan an, nach der Düngerfabrik Kima." Hinzu kämen weitere Fabriken und Mühlen - und die Anwohner, die ihre Abwässer in den Nil leiten. "So verändert sich die Nilfarbe, von blau zu gelb - und wenn er ins Meer mündet, ist er braun oder gar schwarz."

alt Karte: Anrainerstaaten des Nil

Reportage-Serie "Mythos Nil"

Mit fast 7000 Kilometern gilt der Nil mit seinen beiden Quellflüssen Blauer und Weißer Nil als längster Strom der Erde. Die Staaten, durch die er fließt, sind derzeit fast alle instabil.

Mit diesem fünften Beitrag endet die Reportage-Serie zum "Mythos Nil"
Teil 1: Burundi - die Quelle von Afrikas Lebensader
Teil 2: Äthiopien - Hoffen auf Wunder jeglicher Art
Teil 3: Ägypten - Acker droht wieder Wüste zu werden
Teil 4: Uganda - wo gelbe Kanister das Überleben sichern

Die ägyptische Regierung weist diese Vorwürfe zurück. Für ein Interview mit der ARD standen weder der ägyptische Umweltminister noch der Wasserminister zur Verfügung - trotz mehrfacher Nachfrage. Doch laut einem Bericht der Zeitung "Youm Saba" betonte Umweltminister Khaled Fahmy vor dem parlamentarischen Ausschuss für Energie und Umwelt, die Qualität des Nilwassers sei im Rahmen des Erlaubten. Die Schadstoffbelastung des Abwassers einiger Fabriken sei deutlich reduziert worden, weitere Maßnahmen würden folgen.

"Mit Abwasser-Einleitungen haben wir nichts zu tun"

Auch Gamal Ismail, Vize-Chef der Düngerfabrik Kima, weist jede Schuld von sich:

"Bei uns in der Fabrik kommt das sanitäre und industrielle Abwasser in Wasseraufbereitungsanlagen. Mit Abwasser-Einleitungen in den Nil haben wir nichts zu tun. Kima ist völlig unschuldig. Wir können die Leute beruhigen und ihnen sagen, dass das Wasser, das in den Nil einfließt, kein schmutziges Wasser ist."

"Hat jemals eine neutrale Stelle das Wasser analysiert?"

Umweltschützer Ahmed Zaki überzeugt das alles nicht:

"Es wird gesagt, dass die Fabrik Umweltmaßnahmen ergriffen hat, das mag sein. Aber es stinkt an der Einleitungsstelle, man kann den Geruch fast nicht ertragen. Es muss untersucht werden, woher dieser Gestank kommt, wer sonst dort Abwasser einleitet. Hat jemals eine neutrale Stelle das Wasser dort analysiert? Wir appellieren an den Minister, dass wir eine dauerhafte Überwachung brauchen und dass man uns in die Wasseranalyse mit einbezieht." 

Das meiste Wasser geht an die Landwirtschaft

Denn der Nil ist die nahezu einzige Wasserquelle für mehr als 90 Millionen Ägypter. Bevor die Menschen Zuhause den Hahn aufdrehen und mit dem Nilwasser Tee kochen und Zähneputzen, muss das Wasser aufwändig geklärt werden, sagt Hammou Laamrani, Experte der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit GIZ. "Die Verschlechterung der Wasserqualität ist ein großes Thema in Ägypten. Gesetze werden oft nicht umgesetzt, viele Fabriken leiten nach wie vor ihre Abwässer ungefiltert in den Fluss."

Und der Großteil des Nilwassers wird nicht für die Haushalte geklärt, sondern endet in der Landwirtschaft, vor allem im Nildelta, der Kornkammer Ägyptens. Ein fein verzweigtes Kanalsystem verbindet die Felder der Bauern mit dem Fluss. Jedoch: Die Qualität des Wassers ist fragwürdig und verschlechtert sich noch einmal, weil das Wasser in den Kanälen und Seen steht und dort durch Haushaltsabwässer, ausgespülten Dünger und Pestizide zusätzlich verseucht wird.

"Das Wasser riecht nach Waschmittel und Fäkalien"

Nilwasser in Ägypten wird mehrfach verwendet - und die, die am Ende der Brauchwasser-Kette stehen, haben ein Problem. Bauer Mansour zeigt seine Felder. Dattelpalmen und Mangos wachsen auf sandigem Boden, dazwischen ein paar Tomaten. Doch die Pflanzen sterben ihm weg, erzählt Mansour und zeigt auf tote Palmen und kümmerliches Grünzeug. Die Gründe sieht er im Wasser:

"Der Kanal, der das Wasser zu uns bringt, ist voller Haushaltsabwässer. Die Leute lassen ihr Abwasser rein. Das Wasser, mit dem ich meine Felder bewässere, riecht nach Waschmittel und Fäkalien. Nach der Bewässerung muss ich schnell ins Bad gehen und mich richtig waschen, sonst bekomme ich Hautkrankheiten."

Bewässerungsgräben in Feldern am Nil | Bildquelle: ARD-Studio Kairo
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Das Wasser, das durch die Kanäle auf die Felder fließt, riecht übel - nach Waschmittel und Fäkalien.

Der Bauer Mansour und seine Frau Khamisa
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Der Bauer Mansour und seine Frau müssen das Wasser verwenden, obwohl sie wissen, wie dreckig es ist.

"Wenn du einen Fisch aus dem See isst, dann stirbst du"

Mansour bekommt das Wasser aus einem See bei Alexandria. Auf der einen Seite liegen die Nilkanäle, auf der anderen Seite das Mittelmeer. Der See ist hochgradig verseucht, bestätigt auch eine Studie der Kairoer Universität. Die Nitratbelastung lag 2010 teilweise beim Zwanzigfachen des Grenzwerts der Weltgesundheitsorganisation - auch, weil die Nil-Abwässer und Düngerrückstände der Felder in den See gespült werden. Es gab Massenfischsterben und Lebererkrankungen der Anwohner.

Und mit diesem Wasser bewässert Mansour seine Felder. "Wir haben Proben genommen und sind zu den Behörden gegangen. Aber es wird nichts dauerhaft getan. Wenn ich die Wasserpumpe da drüben in Betrieb nehme und sie pumpt das Wasser hierher, dann kannst du vom Gestank hier nicht mehr stehen", sagt der Bauer. Seine Frau Khamisa ergänzt: "Es ist das Abwasser. Wenn du einen Fisch aus dem See isst, dann stirbst du."

"Nicht nur schmutzig, es ist gesundheitsschädlich"

Die Mangos und Datteln verkaufen die Bauern - auch an Großhändler, die das Obst in die Supermärkte liefern. Früchte, die möglicherweise kontaminiert sind. "Das Nilwasser ist nicht nur schmutzig, es ist gesundheitsschädlich", sagt Hammou Laamrani von der GIZ. "Wenn es nicht behandelt wird, ist es gefährlich. Es gibt Beispiele, dass Pflanzen wirklich hochgradig belastet, giftig waren - Pflanzen als Futtermittel und Pflanzen, die wir essen. Das ist das Ergebnis der vielen Gifte im Wasser."

Braune Brühe in Ägypten: Stirbt der Nil?
Anna Osius, ARD Kairo
30.11.2017 00:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. November 2017 um 05:44 Uhr.

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