Protest gegen Aung San Suu Kye | Bildquelle: AFP

Aung San Suu Kyi Rassistin oder Demokratie-Ikone?

Stand: 09.09.2017 11:12 Uhr

Erstmals seit Beginn der Kämpfe in Myanmar hat die Regierung Hilfe für die vertriebenen muslimischen Rohingya in Aussicht gestellt. Die unter Druck geratene Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ist in einer Zwickmühle.

Von Holger Senzel, ARD-Studio Singapur

"Der Buddhismus wird niemals sterben", rufen die karmesinrot-gewandeten Mönche in Mandalay: "Alle, die unseren Glauben beleidigen, sind unsere Feinde." Für westliche Beobachter sind die hasserfüllten Gesichter der Mönche und ihre gereckten Fäuste irritierend - gilt Buddhismus doch als Inbegriff der Friedfertigkeit und der Toleranz. Doch für die nationalistischen Mönche in Myanmar gibt es in ihrem Land keinen Platz für die muslimische Minderheit der Rohingya, sagt ein Mönch der Gruppe Mabata. "Islam und 'Islamischer Staat' sind ein und dasselbe. Nur ein anderer Name. Wir beschützen die Leute vor ihrem Terror. Muslime stehen für Mord und Vergewaltigung", sagt er.

Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesh | Bildquelle: AFP
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Zehntausende Rohingya fliehen nach Bangladesch. In Myanmar werden sie verfolgt.

"Es gibt zwei Aung San Suu Kyis"

Mehr als 290.000 Rohingya sind laut UN in den vergangenen zwei Wochen aus der bitterarmen Rakhine-Provinz nach Bangladesch geflohen - sie berichten von in Brand gesetzten Dörfern, Vergewaltigung, Mord. Durch buddhistische Nationalisten aber auch die Armee nach dem Angriff von Rohingya-Aktivisten auf burmesische Polizeistationen. Bis heute verweigert die Regierung Myanmars den Rohingya die Staatsbürgerschaft. Für die meisten Burmesen sind sie Bengali, Menschen aus Bangladesch, obwohl sie seit Jahrhunderten hier leben.

Menschenrechtsorganisationen warnen seit langem vor ethnischen Säuberungen - doch die de-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi wiegelte stets ab. "Nein, nein, das ist keine ethnische Säuberung", sagte sie. "Diese Probleme haben mit Angst zu tun - auf beiden Seiten. Und das muss die Welt verstehen, dass nicht nur die Muslime Angst haben, sondern auch die Buddhisten."

Was die Welt sieht, ist vor allem eine Friedensnobelpreisträgerin und Demokratie-Ikone, die zum Schicksal der verfolgten Rohingya-Minderheit schweigt. Die von Fake News spricht und der Armee freie Hand lässt. Es gibt zwei Aung San Suu Kyis, glaubt Menschenrechtsaktivist Maung Sani. "Da ist die Kämpferin für die Menschenrechte, die für ihren Widerstand gegen die Diktatur gefeiert wurde - und da ist die Politikerin, die mit dieser Armee gemeinsame Sache macht."

"Um zu überleben, muss sie mit der Armee zusammenarbeiten"

Gebt ihr eine Chance, fordert dagegen der frühere Präsident von Osttimor, Jose Ramos-Horta, Friedensnobelpreisträger wie Aung San Suu Kyi: "Sie ist in einer extrem schwierigen Lage. Die Armee hat immer noch eine ungeheure Macht im Lande. Aung San Suu Kyi hat es mit einer sehr fragilen Gesellschaft zu tun, der Übergang von der Diktatur zur Demokratie ist noch längst nicht abgeschlossen. Um zu überleben, muss sie mit der Armee zusammenarbeiten", sagt der Ex-Präsident.

Die Zeit allerdings arbeitet gegen die Rohingya. Bangladesch hat seine Grenzen geschlossen, trotzdem fliehen Frauen und Kinder weiter über Minenfelder. Familien wagen sich mit kleinen Booten auf das Meer, Dutzende ertrinken. Von 400 Toten spricht die Regierung in Myanmar - die Vereinten Nationen halten mehr als 1000 Opfer für realistischer. Und mit jedem Tag werden es mehr.

Das Schweigen der Ikone und das Elend der Rohingya
H. Senzel, ARD Singapur
09.09.2017 10:58 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. September 2017 um 06:46 Uhr.

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