Eine Familie kehrt in ihr Dorf nahe dem nordirakischen Mossul zurück. | Bildquelle: AFP

Befreites Dorf nahe Mossul Der IS ist weg, die Zerstörung bleibt

Stand: 08.11.2016 15:29 Uhr

Kinder jubeln, Kämpfer zeigen das "Victory"-Zeichen, Familien kehren in ihre Heimat zurück. Immer mehr Dörfer in der Nähe von Mossul im Nordirak werden aus der IS-Herrschaft befreit. Doch die Freude währt nur kurz.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Wenn Ahmed sich in seinem Haus umschaut, kann er es immer noch nicht fassen. Sein Zuhause ist geplündert, sein Dorf, Al Quayyara, liegt weitestgehend in Trümmern. 60 Kilometer liegt der Ort von Mossul entfernt - mehr als zwei Jahre lang haben Ahmed und seine Familie unter der Herrschaft des IS gelebt. Manche Bilder wird er nie vergessen, sagt er: "Ich stehe immer noch unter Schock, die Szenen kommen immer wieder hoch, wie der IS hier einzog: Jeden Tag haben sie Soldaten und Sicherheitsleute abgeholt und hingerichtet. Mehr als einen Monat lang ging das so, bis alle getötet waren."

Exekutionen und Plünderungen an der Tagesordnung

Der Alltag unter dem Regime der Terrormiliz war hart, berichtet Ahmed - fast alles war verboten: Ballspielen, Musik, Handys, Rauchen. Die Menschen lebten in ständiger Angst vor der Willkür der Dschihadisten: "Geschäfte waren geschlossen. Schulen auch, denn die Extremisten haben den Kindern nicht erlaubt, zu lernen. Wenn sie die Tür von deinem Haus offen stehen sahen, kamen sie einfach rein und verlangten Geld. Und sie nahmen alle Dinge mit, die ihnen gefielen. Deshalb haben wir quasi nichts mehr hier im Haus."

Irakische Armee befreit ein Dorf in der Nähe von Mossul
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Irakische Streitkräfte werden von jubelnden Menschen empfangen.

Die Gräueltaten der Terrormiliz "Islamischer Staat" beinhalteten auch willkürliche Verhaftungen und Exekutionen wegen kleinster Delikte. Augenzeugen berichten aus der Umgebung von Mossul, dass sich der IS nahezu einen Sport daraus gemacht hatte, immer neue Formen der Hinrichtung auszudenken. Südlich von Mossul entdeckten irakische Soldaten am Montagabend ein Massengrab mit rund 100 Leichen, die meisten von ihnen wurden enthauptet. Heute haben die irakischen Ermittler begonnen, die verwesten Leichen näher zu untersuchen. Das Grab befindet sich in der Nähe der landwirtschaftlichen Hochschule in Hammam al-Alil.  Die Stadt liegt etwa 30 Kilometer von Mossul entfernt.

Kampf mit den Folgen der IS-Herrschaft

Ahmed und seine Familie überstanden den Terror des IS. Sie sind dankbar, dass sie überlebt haben. Und doch wissen sie nicht, wie es weitergehen soll: Ihre Heimat ist völlig zerstört. Die Familie steht, wie viele andere in der Region, faktisch vor dem Nichts:

"Als ich hörte, dass die irakischen Streitkräfte gekommen sind und den IS vertrieben haben, dachte ich: Jetzt ist die Hölle vorbei und wir können wieder frei und glücklich leben wie vor dem IS. Doch seht, was sie uns hinterlassen haben. Sie haben die Ölquellen angezündet, der schwarze Rauch hat uns krank gemacht. Unsere Häuser sind zerstört. Sie sind zwar weg, trotzdem lassen sie uns immer noch nicht in Ruhe."

Der IS ist weg, die Zerstörung bleibt
A.Osius, ARD Kairo
08.11.2016 14:50 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 08. November 2016 um 10:50 Uhr.

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