Laxmis Gesicht ist nach einem Säureangriff entstellt

Säureopfer in Indien "Unser Leben ist nicht nur das, was wir sehen"

Stand: 21.01.2016 07:01 Uhr

Laxmi wurde mit Säure angegriffen, als sie 15 war. Ihr Gesicht ist seitdem völlig entstellt. Aber die junge Inderin gab nicht auf und kämpfte für ein normales Leben. Nun ist sie das Gesicht einer aktuellen Mode-Kampagne in Indien.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Südasien

Aufrechter Gang, gerade Schultern, auf dem Rücken wiegen sich bei jedem Schritt die langen schwarzen Haare. Mit einem breiten Lächeln dreht sich Laxmi Saa in die Kamera. Ihre Ausstrahlung: umwerfend. Ihr Gesicht: entstellt. Keine Augenbrauen, keine Wimpern, die vernarbte Haut spannt sich in verschiedenen Farbtönen unsymmetrisch über ihr Gesicht.

"Unser Leben ist nicht nur das, was wir sehen", sagt sie im Video. "Denn es gibt weit mehr im Leben, als das Auge sehen kann."

Vor zehn Jahren hätte sich Laxmi Saa sicher nicht träumen lassen, dass sie das einmal sagen würde. Damals ging es ihr sehr schlecht. Als sie ihr Gesicht sah, sagte sie ihren Eltern, dass sie so nicht mehr leben wolle. Denn im April 2005 hatte sich ihr Leben schlagartig verändert. Ein Mann aus der Nachbarschaft, über 30 Jahre alt, hatte ihr den Hof gemacht, wollte sie heiraten. Da war Laxmi gerade einmal fünfzehn Jahre alt. Sie hatte sein Angebot abgelehnt. Daraufhin griff der Verprellte zusammen mit zwei anderen Laxmi an. Er schüttete ihr Säure mitten ins Gesicht.

Laxmi - Ein Säureopfer wird Modell
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
21.01.2016 02:55 Uhr

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"Ich lag auf dem Boden, mitten auf dem Markt", erzählt sie. "Ich weiß nicht, wie lange ich bewusstlos war. Ich weiß nur, als ich aufgewacht bin, fühlte es sich so an, als würde jemand Feuer auf mein Gesicht halten. Ich habe unglaublich laut geschrien."

Ihre Eltern vernichteten alle Spiegel

Es dauerte lange, bis ihr jemand zu Hilfe kam und sie ins Krankenhaus brachte. Dort stand ihr Vater vor ihr, den jemand verständigt hatte. Als sich die beiden umarmten, schmolz auch das Hemd des Vaters, so stark war die Säure noch. Fast drei Monate lag Laxmi im Krankenhaus.

Laxmi
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Laxmi wirbt als Model für ein indisches Mode- Label.

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Die Arbeit hat ihr zusätzliches Selbstbewusstsein gegeben.

Ihre Eltern vernichteten alle Spiegel um sie herum, sie aber wollte unbedingt ihr Gesicht sehen. Sie ließ sogar Wasser ins Becken ein, um sich darin zu spiegeln, aber sie konnte nur verschwommen die Verbände wahrnehmen.

Als sie sich dann doch das erste Mal betrachten konnte, fiel sie fast wieder in Ohnmacht. "Mein Gesicht war völlig entstellt. Meine Augen sahen aus, als würden sie gleich rausfallen, meine Lippen waren völlig verzogen, meine Nase war einfach weg. Mein Gesicht war das einer Fremden und es war hässlich."

Säureopfer in Indien

Wie viele Säure-Attacken es in Indien gibt, ist unklar. Bis vor zwei Jahren gab es gar keine offiziellen Statistiken. Im Jahr 2014 hat das nationale Amt für Kriminalitätsdelikte über 300 Fälle aufgelistet. Die Dunkelziffer, so schätzen viele Nichtregierungsorganisationen, liegt weitaus höher. Nach offiziellen Statistiken werden in Indien jährlich etwa 7000 Frauen umgebracht und 18.000 weitere verstümmelt. Aus westlicher Sicht geht es dabei oft um banale Gründe: Neid, Missgunst oder Streitigkeiten über die Mitgift, die in Indien noch weit verbreitet ist.

In Indien sind mindestens drei Viertel der Opfer Mädchen oder Frauen. Durch den Druck der Hilfsorganisationen hat Indien in den vergangenen Jahren ein Gesetz erlassen, dass die Säure-Attacken als kriminellen Akt einstuft. Außerdem erhalten die Opfer eine Entschädigung vom Staat. Sie reicht allerdings oft nicht aus, um die teuren Operationen, die rein medizinisch notwendig sind, zu bezahlen.

Der Oberste Indische Gerichtshof hat vor drei Jahren angeordnet, dass der Verkauf von Säure eingeschränkt wird. Alle Verkäufer sind angehalten, sich die Ausweise der Käufer zeigen zu lassen und nach zu fragen, wofür die Säure verwendet werden soll. Bei Testkäufen erleben die Hilfsorganisationen immer wieder, dass sie ohne Probleme an Säure kommen.

Viele Jahre blieb sie nur in der Wohnung ihrer Eltern. Die spendeten Trost, gaben ihr Halt. Ihr Vater brachte den Mann und die Mittäter vor Gericht. Erst kam der Täter auf Kaution frei, vier Jahre nach der Tat wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt. Als Laxmis Vater starb, brach wieder eine Welt für sie zusammen. Ihr Bruder wurde schwer krank, Laxmi war die einzige, die nun Geld für ihre Familie verdienen konnte. Aber wie? "Ich habe mich um Jobs beworben", sagt sie, "aber mit meinem Gesicht, wollte mir niemand einen Job geben."

Die anderen Opfer gaben ihr Kraft zu kämpfen

Eines Tages erfuhr Laxmi von einer großen Demonstration mit dem Titel "Stoppt Säure-Attacken". Wieder ein Moment, der ihr Leben veränderte. Zum ersten Mal sah sie Frauen, deren Gesichter auch völlig entstellt waren. Das gab ihr die Kraft zu kämpfen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die anderen Opfer.

Vor drei Jahren bekam sie eine Stelle bei einer Nicht-Regierungs-Organisation, die sich für Säure-Opfer einsetzt. Seitdem hat Laxmi schon Fernsehshows bestritten, Preise gewonnen, ist vor Gericht gezogen, damit man Säure nicht mehr an jeder Ecke in Indien kaufen kann.

Jetzt ist sie das Gesicht eines Mode-Labels. "Ich hatte großen Spaß beim Shooting", erzählt sie. "Überall die Kameralichter, das Make-Up, die tollen Kleider. Sie haben mich nicht wie ein Säureopfer behandelt, sondern wie ein Modell. Ich hab neues Selbstbewusstsein getankt."

"Das Säureopfer kommt als Kämpferin zurück"

Und das strahlt sie aus, auf den Videos und den Fotos ist eine beeindruckende Frau in modernen indischen Kleidern zu sehen. Laxmi will ein Vorbild sein, für all die anderen Frauen, die das gleiche Schicksal mit ihr teilen.

Es gibt keinen Grund mehr, sich zu Hause zu verstecken. "Ein schönes Gesicht ist nicht das Wichtigste im Leben, auch wenn wir so erzogen wurden, das zu glauben", sagt sie. "Schau mich an, ein Säureopfer kommt als Kämpferin zurück und ändert diese Denke. Das ist die schlimmste Strafe für die Täter, die man sich vorstellen kann."

Es gibt keine offiziellen Zahlen darüber, wie viele Frauen Opfer von Säureattacken werden in Indien. Vor allem, wenn die Tat innerhalb der Familie geschieht, gehen die Opfer meist nicht zur Polizei. Einige sterben an den Verletzungen, andere werden taub oder blind. Sie habe Glück gehabt, sagt Laxmi.

Eigentlich müsste sie ihr ganzes Leben noch Operationen über sich ergehen lassen, aber das möchte sie nicht mehr. Nur eine medizinisch notwendige OP soll noch folgen, denn Laxmi kann seit der Attacke ihr rechtes Auge nicht mehr schließen. "Danach werde ich mich nicht mehr operieren lassen", sagt sie. "Ich liebe mein Gesicht jetzt genau so, wie es ist!"

Dieser Beitrag lief am 21. Januar 2016 um 08:10 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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