Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko | Bildquelle: REUTERS

Flüchtlinge an der US-Grenze Wüste, Gefängnis, zurück nach Mexiko

Stand: 08.02.2016 12:11 Uhr

Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um in das Land ihrer Träume zu kommen - an der Südgrenze der USA gibt es das seit Jahrzehnten. Anne-Katrin Mellmann hat Flüchtlinge getroffen, die den gefährlichen Weg durch die Wüste gehen, um der Gewalt in ihrer Heimat zu entkommen.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Spurensuche in der Wüste: In den frühen Morgenstunden folgen Mitarbeiter der mexikanischen Sondereinheit Gruppe Beta den illegalen Wegen der Migranten. In der kargen Umgebung leuchten ihre grell-orangen Anzüge meilenweit. Wir wollen helfen, soll die Farbe signalisieren. Aus Angst nähmen viele Migranten die Hilfe aber nur im äußersten Notfall an: "Sobald sie auf der anderen Seite die US-Grenzpatrouille sehen, müssen sie ihre Route ändern und sich verstecken, manchmal die Nacht abwarten. Wenn sie dann wieder loslaufen, haben sie oft kein Wasser und kein Essen mehr", erklärt ein Beta-Mitarbeiter. Gefährlich sei es in der Wüste immer: Im Sommer wegen der brütenden Hitze. Jetzt, im Winter, wegen der Kälte. Und wenn sich Migranten im Schatten ausruhen wollen, würden Schlangen, giftige Spinnen und Skorpione lauern.

Hunderte gehen täglich am Dreiländereck der Bundesstaaten New Mexico und Texas auf US-Seite und Chihuahua in Mexiko über die Grenze. Es sind Männer, Frauen und Kinder aus ganz Lateinamerika, die vor Armut und Gewalt fliehen. Sie schwimmen durch den Rio Grande, wandern durch die Wüste - da wo noch kein Grenzzaun ist - oder klettern über das Monstrum aus Metall, das einige Kilometer weit entfernt die Landschaft zerschneidet.

Grenze USA Mexiko | Bildquelle: ARD / Katrin Mellmann
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Der Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA ist mittlerweile über 1100 Kilometer lang und verläuft hier zwischen dem US-Bundesstaat Texas und dem mexikanischen Bundesstaat Chihuahua.

6000 Dollar für einen langen Marsch durch die Wüste

Vielleicht waren im Wüstensand irgendwann auch mal die Spuren von Adrian. Heute wurde er von den US-Behörden abgeschoben. Jetzt wartet der 41-Jährige im Gebäude der Gruppe Beta auf einen Bus nach Hause, in ein Dorf im Süden Mexikos, in dem er sich als Tagelöhner durchschlug. Bei sich hat er nur noch, was er am Leibe trägt. Die Beta-Mitarbeiter haben ihm ein Tütchen mit Keksen und Zahncreme geschenkt.

Um in die USA zu gelangen, hatte Adrian Schleusern 6000 Dollar gezahlt. Die zeigten ihm dafür gerade mal den Weg durch die Wüste. Schon am ersten Tag in Texas schnappte ihn die Polizei mitten auf der Straße: "Sie machen eben ihre Arbeit", sagt der Mexikaner. "Sie haben mich nach meinen Papieren gefragt und weil ich keine hatte, kam ich ins Gefängnis", berichtet er. Man behandle ihn und die anderen wie Kriminelle. "Für die Polizei sind wir das ja auch. Zuerst ins Gefängnis, dann zurück nach Mexiko. Ich hatte Pech. Hier bin ich wieder", sagt Adrian.

Adrian wollte nur eine Zeit lang in den USA arbeiten und Dollar an Frau und Kinder in Mexiko schicken. Stattdessen verbrachte er zwei Monate im Gefängnis. 8500 Abgeschobene hat die Migrationsbehörde allein in Ciudad Juárez im vergangenen Jahr gezählt. Wer hier ankommt - egal ob abgeschoben oder nach einem tausende Kilometer langen Weg durch Mittelamerika und Mexiko - hat oft keinen Peso mehr und sucht Hilfe in der Migrantenherberge der katholischen Kirche, geleitet von Javier Calvillo. Der jugendlich wirkende Priester wird emotional, wenn er von den Schicksalen erzählt: Von einem achtjährigen Mädchen zum Beispiel, das alleine hier ankam, weil es über die Grenze zu seinen Eltern wollte, sich aber verzweifelt in der Herberge mit einem Strick das Leben nahm.

Der Preis steigt mit jedem Meter Grenzzaun

Ein Wandgemälde in einer Migrantenherberge in Mexiko | Bildquelle: ARD/Mellmann
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Dieses Wandgemälde hängt in einer Migrantenherberge und zeigt einen Güterzug, mit dem viele Migranten durch Mexiko bis an die US-Grenze reisen.

"Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die sich allein auf den Weg machen, ist gestiegen", erzählt der Priester. Viele würden vor der Gewalt fliehen. Immer mehr Mittelamerikaner wollten weg. "Stellen sie sich vor, wie sie hier ankommen: verprügelt, fix und fertig, entmutigt, halb verhungert, krank, kaum noch Selbstwertgefühl. Wir kennen ihre Leidenswege", meint Calvillo, aber die Leute würden immer wieder sagen, dass sie lieber sterben würden bei dem Versuch, die Grenze zu überqueren, als zurückzugehen in die Armut, die Sklaverei, zur Gewalt - dorthin, wo sie nichts seien.

Sie zahlen, was die Schleuser verlangen, lassen sich dafür irgendwo in der Wüste aussetzen. Seit der Grenzzaun steht, sind die Preise gestiegen - und die Risiken. Viele kommen auf dem Weg ums Leben. Mexikos Regierung schickt deshalb zum Schutz der Migranten die Spezialeinheit Gruppe Beta ins Grenzgebiet.

Die Beta-Mitarbeiter, die an diesem frostigen Morgen das Gelände absuchen, finden nur Fußspuren, aber keine auf der Strecke gebliebenen Migranten. Es klingt technisch, wenn sie von den Menschen sprechen, denen sie hier helfen: "Der Migrant wird zu jeder Jahreszeit versuchen, über die Grenze zu gelangen. Die Mentalität des Migranten ist, zu sagen, je kälter, je schlechter das Wetter, umso weniger Migrationspolizei wird unterwegs sein. Das stimmt aber nicht. Der Migrant hier in Chihuahua kommt oft aus Mittelamerika."

Wer einmal in der Wüste ist, will nicht mehr zurückgehen

Der Migrant ist jung, männlich, hoch motiviert und arm. So wie José aus Nicaragua. Er ist 25, sieht aber mindestens fünf Jahre älter aus. In der kirchlichen Herberge träumt er vom eigenen kleinen Häuschen daheim. Das Geld dafür will er in den USA verdienen. Doch bevor er den Grenzübertritt auf eigene Faust, ohne Hilfe eines Schleusers, versucht will er sich von den Strapazen seiner zweimonatigen Reise erholen.

Der Flüchtling José (25) aus Nicaragua | Bildquelle: ARD/Mellmann
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José (25) aus Nicaragua nimmt viele Strapazen auf sich, um in den USA leben zu können.

"Ich bin erschöpft. Manchmal habe ich tagelang nichts gegessen. Vor allem, wenn ich oben auf dem Dach des mexikanischen Güterzugs lag und mich festhielt", berichtete der 25-Jährige aus Nicaragua. Oft habe er absteigen und tagelang auf den nächsten Zug warten müssen, ohne zu wissen, wann der nächste Zug kommt. "Weil ich jung und kräftig bin, habe ich es bis hierher geschafft. Ich habe mich immer versteckt, manchmal sehr gefroren. So ist es aber sicherer, denn ich musste mit ansehen, wie andere entführt oder ermordet wurden", erzählt er. Darum habe er lieber in der Wildnis und in der Kälte ausgehalten. Das Schwerste habe er aber jetzt noch vor sich: Die Wüste. "Ich hoffe, dass Gott mich beschützt", betet der junge Migrant.

Zurück in die Wüste zur Gruppe Beta: Die Männer kennen die Fehler, die Migranten machen können, und die Risiken. Sie könnten José aus Nicaragua eine sichere Route auf die andere Seite zeigen, aber das dürfen sie nicht. Im Gegenteil: "Was man hier macht, ist Orientierung geben, aber so, dass sie nicht über die Grenze gehen. Wegen der vielen Gefahren. Wir versuchen, Sie davon zu überzeugen, dass sie bleiben. Aber wenn sie es bis hierher geschafft haben, sind sie zu allem entschlossen", berichtet einer der Beta-Männer.

Grenze USA Mexiko
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Die Spur der Migranten: Immer wieder findet die Beta-Sondereinheit Zeichen von Flüchtlingen, die die Grenze auf dem Weg durch die Wüste überqueren wollen.

Der Wille ist stärker als jede Technologie

In der Migrantenherberge setzt Priester Calvillo große Hoffnungen in den Papstbesuch. Der Lateinamerikaner Franziskus hat sich die hässliche Grenzstadt gerade wegen der Migrationsproblematik ausgesucht. Calvillo sagt, das sei ein globales Problem und denkt an Europa. Der alte Kontinent verhalte sich derzeit wie die USA, obwohl die Erfahrung zeige, wie wenig das bringt: "Auch wenn die USA Mauern hochziehen, sich absichern, Flugzeuge, Hubschrauber und Sicherheitskameras einsetzten, zulassen dass Bürgerwehren mit Gummikugeln Migranten jagen, als wären sie Hasen - selbst mit dieser entsetzlichen Technologie werden sie nie über den Menschen siegen, sein Wille wird immer stärker sein", sagt der Mann von der Kirche überzeugt.

Hunger, Ungerechtigkeit und Armut sind sehr starke Gründe, aus denen Menschen nach einem besseren Leben suchen. An der US-mexikanischen Grenze geht das schon seit Jahrzehnten so. Nichts kann die Menschen stoppen.

Mexikanisches Flüchtlingsdrama
A.-K. Mellmann, ARD Mexiko City
08.02.2016 09:48 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 08. Februar 2016 um 13:00 Uhr im Deutschlandfunk.

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