Vermisste Studenten in Mexiko  | Bildquelle: REUTERS

Verschwundene Studenten in Mexiko Ein Jahr ohne Spur

Stand: 26.09.2015 03:09 Uhr

Vor genau einem Jahr verschwanden in Mexiko 43 Studenten. Bis heute fehlt von den Opfern jede Spur. Es ist nicht der erste tödliche Übergriff von Sicherheitskräften, es ist auch nicht das erste Indiz für Verstrickungen zwischen organisiertem Verbrechen, Politik und Polizei. Aber es ist einer der wenigen Fälle, die nicht unter den Teppich gekehrt werden konnten. Dank der Angehörigen, die Mexikos Regierung ein Jahr lang unter Druck gesetzt haben, dank landesweiter Proteste, denen sich immer größere Teile der Zivilgesellschaft angeschlossen haben, dank großer internationaler Anteilnahme. Welche Erkenntnisse gibt es heute über den Verbleib der 43?

Markus Plate, ARD Mexiko-Stadt

Vor einem Jahr, in der Nacht vom 26. auf den 27. September, werden im mexikanischen Iguala, im Bundesstaat Guerrero, Studenten der pädagogischen Fachhochschule Ayotzinapa angegriffen. Am Morgen danach sind acht Menschen tot, viele verletzt und vor allem: Von 43 Studenten fehlt jede Spur. Bis heute.  

"Lebend sind sie uns genommen worden, lebend wollen wir sie zurück!" fordern die Angehörigen der Verschwundenen seit dieser Nacht. Erst demonstrierten die Studenten, dann immer größere Teile der Gesellschaft, auch im Ausland gab es Proteste. Mexikos Präsident Enrique Pena Nieto sah sich gezwungen, vollständige Aufklärung zu versprechen. "Wir tun alles, was nötig ist, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen", sagte er.

Verschwinden von 43 Studenten bleibt ungeklärt
tagesschau 20:00 Uhr, 26.09.2015, Peter Sonnenberg, ARD Mexiko-City

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Schnelle Wahrheit von Mexikos Behörden

Und Ermittlungsergebnisse folgten: Proben mutmaßlicher Überreste wurden nach Innsbruck zur forensischen Untersuchung geschickt, dabei konnten die Experten zumindest ein Opfer identifizieren. Anfang Januar gab dann der damalige Generalstaatsanwalt Jesus Murillo Karam eine ungewöhnliche Pressekonferenz, auf der er per Videoeinspielung Geständnisse präsentierte. In den Videos erklärten mutmaßliche Täter, sie hätten die Studenten mit Benzin übergossen und verbrannt.

Für die Behörden war der Fall klar: Auf Befehl des korrupten Bürgermeisters von Iguala hätte die örtliche Polizei die 43 der kriminellen Organisation Guerreros Unidos übergeben, die sie dann auf einem Müllplatz in der Nähe verbrannt und die Reste in einen Fluss geworfen hätten. Fall gelöst. Staatsanwalt Murillo Karam sprach gar von "historischer Wahrheit".

Eine Wahrheit, die Murillo und Mexikos Regierung schnell um die Ohren flog. Ende Februar wurde der Staatsanwalt abberufen. Im März ließ Mexiko angesichts anschwellender Proteste eine fünfköpfige Gruppe renommierter Experten der Interamerikanischen Menschenrechtskommission ins Land.

Experten widerlegen offizielle Version

In einem 500 Seiten starken Untersuchungsbericht haben diese Experten Anfang September die offizielle mexikanische Version der Ereignisse zerfleddert. Die Verbrennung der Studenten auf der Müllkippe sei physikalisch unmöglich, erklärte das chilenische Kommissionsmitglied Francisco Cox. Um 43 Studenten unter freiem Himmel zu verbrennen, bräuchte man 30 Tonnen Holz und zwölf Tonnen Autoreifen. Der Verbrennungsvorgang würde 60 Stunden dauern. Auf Basis dieser wissenschaftlichen Fakten weist die Kommission diese Version zurück.

Auch an der Theorie eines lokalen Verbrechens haben die internationalen Experten gehörige Zweifel. Die Studenten seien schon seit dem Nachmittag von der Bundespolizei und der Armee observiert worden, Beweise seien unterschlagen worden, insbesondere Anträge der Experten, mit dem in der Nähe stationierten Armeebataillon 27 zu sprechen, seien abgelehnt worden. Aber, was ist den Studenten nun zum Verhängnis geworden? 

Studenten in Mexiko seit einem Jahr verschollen
M. Plate, ARD Mexiko-Stadt
26.09.2015 02:18 Uhr

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Im historischen Zentrum der Hauptstadt ist Jorge Gálvez Direktor eines kleinen Museums mit dem Namen "Haus der widerspenstigen Erinnerung". In Erinnerung an Zehntausende Menschen, die seit Ende der Sechziger Jahre verschwunden sind. In den kleinen Ausstellungsräumen des historischen Gebäudes hängen Fotos von Verschwundenen, fast alle junge Männer, viele Studenten. Vor der Eingangstür stehen auf dem Bürgersteig 43 Stühle, darauf die Fotos der 43 Akademiker von Ayotzinapa.

Atmosphäre der Angst

Für Museumsdirektor Gálvez hat das Verbrechen des gewaltsamen Verschwindenlassens in Mexiko System. Bereits seit den 70er Jahren lasse man in Mexiko Menschen verschwinden, politische Gegner, Leute, die andere Menschen organisieren können. In den 80er Jahren sei es der Kampf gegen den Kommunismus gewesen, danach der Terrorismus und heute sei es der Kampf gegen die Drogenkartelle. Das Muster sei aber immer dasselbe: Opfer sind meistens junge Menschen. "Man macht das nachts, wenn es keine Zeugen gibt. Man lässt die Körper verschwinden. Und so sät man den Terror: Nicht nur gegen die Opfer. Gegen die Eltern, gegen Nachbarn, Kollegen, Mitstreiter. Jeder hat Angst, dass sie einen auch verschwinden lassen."

Ein Vorwurf, den die Angehörigen der 43 teilen. Denn auch die Fachhochschule von Ayotzinapa ist traditionell politisch sehr aktiv. Wurden die Studenten deswegen angegriffen, sind 43 von ihnen deswegen verschwunden? Die internationale Expertenkommission hält nach Worten ihres spanischen Mitglieds Carlos Beristein das Verbrechen für zu groß, als dass es spontan von ein paar korrupten Dorfpolizisten hätte organisiert werden können. 

26.000 Menschen in zehn Jahren verschwunden

Mexikos Behörden halten jedoch an ihrer Version fest. Vor einer Woche, kurz nach der Veröffentlichung des Expertenberichtes und kurz vor dem Jahrestag der Ereignisse, verhafteten sie ihren Hauptverdächtigen, den Regionalchef der Guerreros Unidos. Er allein soll die Tötung und Verbrennung der 43 auf besagter Müllkippe organisiert haben. Es klingt immer weniger glaubwürdig.

Der italienische Journalist Federico Mastrogiovanni, der in Mexiko zum Thema Verschwinden-Lassen ein viel beachtetes Buch herausgebracht hat, hält den Zeitpunkt der Verhaftung für kalkuliert: "Der Staat kann einfach nicht zugeben, selbst Schuld an einem solchen Verbrechen zu tragen, denn das würde ein ganzes korruptes, kriminelles System erschüttern."

Der Fall Ayotzinapa wird sich so schnell nicht zu den Akten legen lassen. Vielmehr haben die Angehörigen der 43 die Praxis des Verschwinden-Lassens ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Ein Schicksal, das in den letzten zehn Jahren mindestens 26.000 Menschen widerfahren ist.

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