Ausstellungsräume mit der Magna Carta | Bildquelle: REUTERS

800 Jahre Magna Carta Vorbild für modernes Menschenrecht

Stand: 15.06.2015 06:06 Uhr

England versteht sich als Mutterland der modernen Demokratie und des Rechtsstaates. Grund dafür ist Magna Carta - unterzeichnet vor genau 800 Jahren. ARD-Korrespondentin Stephanie Pieper über die Bedeutung des Textes - damals und heute.

Wir schreiben den 15. Juni 1215: An diesem Sommertag treffen in Runnymede, einer Themse-Aue, der englische König John und die Abgesandten der Freiherren aufeinander. Die "barons" liegen seit langem im Clinch mit der Krone, nicht zuletzt wegen der hohen Steuern. Um einen Bürgerkrieg zu verhindern, setzt John schließlich sein königliches Siegel unter ein Dokument, das eigentlich ein Friedensvertrag ist. Zugleich garantiert diese Charta aber den Untertanen in England zum ersten Mal einen Katalog von Grundrechten:

Der neue, geradezu revolutionäre Grundsatz lautet: "Auch der Herrscher ist dem Recht unterworfen", sagt David Carpenter, Professor für mittelalterliche Geschichte am King’s College London.

63 Kapitel, 3.550 Wörter, verfasst in Latein - das ist Magna Carta: "Bedeutend ist dieses Dokument, weil es so detailreich ist - und weil nur dieses Dokument später weltberühmt wird, die Vorläufer hatten eben nicht dieselbe Wirkung", sagt Carpenter.

Magna Carta hinter Glas | Bildquelle: AFP
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Magna Carta wird oft als "Geburtsurkunde der Freiheit" bezeichnet.

Moderne Prinzipien

Die Prinzipien klingen modern: Alle "free men" haben das Recht auf einen fairen Prozess, niemand kann ohne ein Urteil ins Gefängnis geworfen werden, und keiner kann besteuert werden, ohne repräsentiert zu sein. Es gibt übrigens nicht eine Magna Carta, sondern lediglich Versionen des ursprünglichen Textes.

Aber was heißt Magna Carta eigentlich auf Englisch? Bei dieser Frage muss auch der britische Premierminister David Cameron in einer amerikanischen Talkshow passen. David Letterman belehrt ihn: Magna Carta steht für "Great Charter", die "große Charta". Sie wird zunächst ins Französische, später auch ins Englische übersetzt, gerät dann aber lange in Vergessenheit.

Siegeszug - seit dem 17. Jahrhundert

Seit dem 17. Jahrhundert aber ist der weltweite Siegeszug der Magna Carta nicht mehr aufzuhalten: Sie wird zu einem Mythos, einer Ikone, einem Symbol - weit über ihren Gehalt hinaus. Von nachfolgenden Generationen werde sie neu interpretiert, sagt Julian Harrison, der Kurator der British Library.

Die Magna Carta dient vielen als Projektionsfläche: Ob der britische Bill of Rights von 1689, die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 100 Jahre danach oder die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 - die jeweiligen Initiatoren berufen sich auf die Magna Carta. Auch die Gründungsväter der Vereinigten Staaten von Amerika, erklärt Heather Rowland, Bibliothekarin bei der Londoner antiquarischen Gesellschaft.

Ironie der Geschichte

Mahatma Gandhi orientiert sich an den Prinzipien der Magna Carta, als er Indien 1947 in die Unabhängigkeit führt, und der südafrikanische Freiheitskämpfer Nelson Mandela zitiert 1964 im Prozess gegen ihn aus dem Dokument. Die Briten selbst leben dagegen bis heute verfassungslos auf ihrer Insel - eine Ironie der Geschichte, findet Rowland: "Es ist schon merkwürdig, dass dieses englische Dokument eingeflossen ist in Verfassungen auf aller Welt oder diese zumindest beeinflusst hat - von den USA bis Tonga, dass wir selbst aber immer noch keine geschriebene Verfassung haben."

Die Magna Carta ist derweil in der Populärkultur angekommen: Der US-Rapper Jay-Z hat nämlich eines seiner Alben "Magna Carta Holy Grail" betitelt. Ein weiterer Beleg dafür, dass dieses Dokument aus dem Jahr 1215 bis heute Kultstatus hat.

800 Jahre Magna Carta: Mythos, Symbol, Wahrheit
Stephanie Pieper, ARD London
14.06.2015 19:11 Uhr

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