Flüchtlinge im Hafen von Augusta (Sizilien) | Bildquelle: AFP

Schlag gegen italienische Mafia Gigantischer Reibach mit Flüchtlingen?

Stand: 15.05.2017 17:33 Uhr

Die Mafia hat offenbar kräftig an der Versorgung von Flüchtlingen verdient. Ein süditalienischer Clan soll ein Aufnahmezentrum infiltriert und mindestens 32 Millionen Euro aus EU-Mitteln in die eigenen Taschen abgezweigt haben. 68 Verdächtige wurden festgenommen.

Bei einem Schlag gegen die italienische Mafia sind 68 mutmaßliche Mitglieder des einflussreichen Clans Arena festgenommen worden. Den Verdächtigen werden unter anderem Erpressung, Betrug, Veruntreuung zum Nachteil des Staates und Diebstahl vorgeworfen. Konkret soll der Clan ein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge im kalabrischen Crotone infiltriert und dort mit Hilfe einer katholischen Organisation Betrug in Millionenhöhe begangen haben.

Nach Erkenntnissen der Ermittler flossen mindestens 32 Millionen Euro aus EU-Mitteln in die Taschen der Clan-Mitglieder. Das ist ein Drittel der rund 100 Millionen Euro, die zwischen 2005 und 2016 für das Flüchtlingslager bereitgestellt wurden. Der Arena-Clan gehört zur berüchtigten Mafia-Organisation 'Ndrangheta in der süditalienischen Region Kalabrien.

"Die Geldautomaten der Mafia"

Festgenommen wurden auch der in Italien bekannte Leiter der Hilfsorganisation Fraternita di Misericordia, Leonardo Sacco, die das Zentrum offiziell betreibt, sowie ein Priester. Dieser erhielt laut Ermittlern 150.000 Euro dafür, dass er den Flüchtlingen "spirituelle Beratung" anbot. In dem Aufnahmezentrum in Isola di Capo Rizzuto sind rund 1500 Flüchtlinge untergebracht. Ermittlern zufolge hatte die Arena-Familie mit Hilfe des Priesters und Saccos Aufträge zur Versorgung des Flüchtlingszentrums bekommen. Sacco hat viele Verbindungen zur Politik bis hin zum Vatikan.

Die Hilfsorganisation habe von dem Arena-Clan kontrollierte Catering-Betriebe beauftragt. Diese hätten dann mehr Mahlzeiten in Rechnung gestellt, als sie tatsächlich lieferten. So seien die Millionenbeträge an den Arena-Clan gegangen. Mit dem Geld seien Immobilien, Luxusautos und Yachten gekauft worden, sagte Staatsanwalt Nicola Gratteri. Carabinieri-General Giuseppe Governale sagte bei der Bekanntgabe der Festnahmen: "Das Willkommenszentrum und Fraternita di Misericordia waren die Geldautomaten der Mafia."

Drei Milliarden Euro für Aufnahmezentren

In Italien leben gegenwärtig rund 175.000 Menschen in Aufnahmezentren, wo sie Nahrung, Kleidung, medizinische und psychologische Versorgung, Italienischkurse und ein Taschengeld erhalten. Das Finanzministerium in Rom beziffert das diesjährige Budget für die Aufnahmezentren auf schätzungsweise drei Milliarden Euro - abhängig davon, wie viele Menschen bei der Überfahrt über das Mittelmeer gerettet und nach Italien gebracht werden. 2017 sind in Italien bislang 45.000 Menschen angekommen, 44 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Angesichts der enormen Summen hält Italiens Anti-Korruptionsbeauftragter Raffaele Cantone die Mafia-Infiltrierung des Aufnahmezentrums in Isola di Capo Rizzuto nur für die "Spitze des Eisbergs". Der Arena-Clan war 2012 in die Schlagzeilen geraten, als die Polizei in Kalabrien Besitztümer im Wert von 350 Millionen Euro beschlagnahmte, darunter auch einen der größten Windparks Europas.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. Mai 2017 um 12:23 Uhr

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