Ein Mann fährt in Neu-Delhi seine Familie auf einem Motorroller durch Smog (Archivbild vom 06.11.2016) | Bildquelle: dpa

Smog in Neu-Delhi Atmen ist ungesund

Stand: 02.05.2018 15:47 Uhr

Der WHO-Bericht zur weltweiten Luftverschmutzung überrascht in Indien kaum jemanden. Hier liegen die 14 dreckigsten Städte der Welt. Auch in Neu-Delhi ist die Luft permanent verpestet.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Die neuen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation erreichten Indiens Hauptstadt Neu-Delhi heute an einem der besten Tage in diesem Jahr, was die Luftqualität angeht. Kategorie "Ungesund für sensible Gruppen" - für die Menschen in Neu-Delhi fühlt sich das schon fast an wie frische Luft. Dabei übertrifft der Smog selbst heute die gängigen Grenzwerte um mehr als das Dreifache.

In Europa hätten die Behörden längst Feinstaubalarm ausgelöst. An den meisten Tagen aber sind die Werte in Neu-Delhi noch schlechter. Meist liegen sie in den Kategorien "Ungesund" oder "Sehr ungesund". Und im Winter erreichen sie regelmäßig den Bereich, in dem das Atmen besser unterlassen werden sollte, wenn die Luftwerte in der Kategorie "Gefährlich" liegen.

Im dichten Abgas-Nebel spielt Neu Delhis Jugend Fußball.
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Im dichten Abgas-Nebel spielen Jugendliche in Neu-Delhi Fußball. Die Zahl der Lungenerkrankungen steigt stark.

Eine vernichtende Bilanz

2016 gab es laut der indischen Regierung keinen einzigen Tag in Neu-Delhi, an dem die Luft den Bereich "Gut" erreicht hat. Eine vernichtende Bilanz, und die WHO-Daten bestätigen das ganze Desaster: Die 14 dreckigsten Städte der Welt liegen danach allesamt in Nordindien. Neu-Delhi erreicht Rang sechs. Kanpur, ein Industrieort am Ganges, hat die schlimmste Luft.

Anumita Chowdhury vom "Centre for Science and Environment" beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Smog. Sie ist von den neuesten Zahlen alles andere als überrascht: "Nicht wirklich, weil wir ja wissen, wie die Datenlage hier ist. Die größere Botschaft ist vielleicht, dass nicht nur die Megastädte vom Smog betroffen sind, sondern auch kleinere Städte, und das zum Teil sogar noch schlimmer." Immerhin gebe es jetzt Daten aus mehr und mehr Orten. "Das hilft uns, das Problem besser zu verstehen."

Menschen heizen mit Plastik

Vor allem eine hohe Konzentration an ultrafeinem Staub - genannt PM 2,5 - setzt den Menschen zu. Die WHO-Daten für Neu-Delhi zeigen im Jahresmittel 2016 143 Mikrogramm Ultrafeinstaub pro Kubikmeter Luft an. Zum Vergleich: Der WHO-Richtwert liegt bei 25 Mikrogramm. Stuttgart erreichte im gleichen Jahr im Schnitt 15, Peking 73 Mikrogramm.

Die Gründe für den Smog in Indien liegen nahe: dichter Verkehr in den Städten; Hunderttausende Ziegeleien, die mit mittelalterlichen Methoden arbeiten; brennende Stoppelfelder im ganzen Land; im Winter ungünstige Wetterlagen und unzählige Feuer in den Armensiedlungen, denn vor allem in Nordindien kann es kalt werden. Weil es genug Müll gibt, verbrennen viele Menschen Plastik, was zusätzliche Giftstoffe freisetzt. So erreichten die Luftwerte im vergangenen November wochenlang die Marke von tausend Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft.

Frauen halten sich in Neu-Delhi Tücher vor den Mund, während dichter Smog über der Stadt liegt (Archivbild vom 06.11.2016) | Bildquelle: dpa
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Die Weltgesundheitsorganisation sieht Neu-Delhi auf Rang sechs der schmutzigsten Städte der Welt.

Lungenprobleme nehmen stark zu

Delhis Bürgermeister nannte seine eigene Stadt eine "Gaskammer". Er ließ Schulen schließen, nachdem sich Kinder in Schulbussen übergeben oder Asthmaanfälle bekommen hatten. Ärzte sprachen von einem Notstand. So auch Randeep Guleria, ein Lungenfacharzt und Direktor des größten staatlichen Krankenhauses in Neu-Delhi: "Es gab immer einen Zusammenhang zwischen vollen Notaufnahmen und eben schlechter Luft. Wenn ein Tag besonders schlecht ist, dann haben wir nach 48 Stunden besonders viele Patienten mit Lungenproblemen in der Notaufnahme."

Studien zeigten bereits vor Jahren, dass fast die Häfte aller Kinder in Neu-Delhi Lungenprobleme hat. Die Zahl der verkauften Asthmamedikamente hat sich in den vergangenen vier Jahren laut indischen Medien um 43 Prozent erhöht.

Es tut sich was - langsam

Doch ein Bewusstsein für das Problem entwickelt sich erst langsam. Als sich im Dezember Cricket-Spieler aus Sri Lanka auf dem Spielfeld in Neu-Delhi übergeben mussten und dies auf den dichten Smog zurückführten, wurden sie von vielen Menschen in Indien verhöhnt.

Anumita Chowdhury vom "Centre for Science und Environment" ist dennoch voller Hoffnung, dass Indien das Problem lindern kann. Das Thema sei in der Regierung hoch angesiedelt, sagt sie. Und Notmaßnahmen wie abgeschaltete Kohlekraftwerke hätten zum Beispiel in Neu-Delhi immerhin dazu geführt, dass der vergangene Winter nicht ganz so schlimm war wie in den Jahren zuvor.

Allerdings zeigten Satellitenbilder der US-Weltraumbehörde NASA in der vergangenen Woche, dass eines der größten Grundübel für den Dauersmog weiter besteht: Die Bilder, die die NASA über Indien gemacht hat, sind voller roter Punkte. Sie zeigen brennende Stoppelfelder - ein Problem, das in den vergangenen Jahren zugenommen hat.

Indien hat die schlimmste Luft weltweit
Jürgen Webermann, ARD Neu-Delhi
02.05.2018 15:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13.11.2017 um 06:14 Uhr.

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