Libysche Soldaten im Kampf gegen den IS in Sirte (Archivbild vom Juli 2016) | Bildquelle: REUTERS

Sirte befreit IS verliert letzte Hochburg in Libyen

Stand: 05.12.2016 17:08 Uhr

Nach fast sieben Monaten Kampf ist die letzte IS-Hochburg in Libyen gefallen. Regierungstruppen nahmen die Stadt ein. Allerdings wird noch geschossen und viele IS-Kämpfer sind vermutlich in der Wüste untergetaucht.

Von Carsten Kühntopp, ARD-Studio Kairo

Mit Sirte hat der IS seine Hochburg außerhalb des Nahen Ostens verloren. Einst kontrollierten die Extremisten östlich und westlich der Stadt einen Küstenstreifen am Mittelmeer, der etwa 250 Kilometer lang war. Jetzt haben sie kein Gebiet in Libyen mehr in ihrer Hand. Ein Sprecher der regierungstreuen Milizionäre, die Sirte befreiten, teilte am Nachmittag mit, dass man die Stadt nun sichere.

Mahmoud Abdul Wahed, ein Reporter des Fernsehsenders "Al Dschasira", berichtete aus Sirte: "Eine Quelle beim Militär sagte uns, dass sich etwa 30 Kämpfer des IS ergaben. Es scheint, dass sie keine Waffen, keine Munition und nichts mehr zu essen hatten."

Der Kampf um Sirte dauerte fast sieben Monate: Mitte Mai hatten Milizionäre aus der Stadt Misrata einen Sturm auf Sirte begonnen, um den IS von dort zu vertreiben. Das taten sie in Abstimmung mit der Regierung der Nationalen Einheit, der die Vereinten Nationen Monate zuvor ins Amt verholfen hatten. Von August an unterstützten die USA die Misrata-Milizionäre aus der Luft und flogen dann mindestens 470 Angriffe auf den IS in Sirte.

Zunächst gab es schnelle Fortschritte, doch die Kämpfe um das letzte Stadtviertel, das der IS noch hielt - und schließlich um die letzten Gebäude - zogen sich dann über Monate hin.

Wie jedoch der "Al Dschasira"-Reporter Abdul Wahed aus Sirte meldete, wurde dort am Nachmittag noch immer geschossen, ein Widerspruch zur Siegesbotschaft der Angreifer: "Es gibt weiterhin heftige Gefechte zwischen regierungstreuen Einheiten und IS-Kämpfern, und zwar den ganzen Tag schon. Einige Gebäude sind nach wie vor unter Kontrolle des IS." Abdul Wahed schätzt, dass es nur einige wenige Männer sind, die noch Widerstand leisten.

Milizen ringen um die Macht

Viele der IS-Terroristen dürften in den vergangenen Monaten in der Wüste untergetaucht sein, als Schläferzellen, die jederzeit wieder aktiv werden könnten. Gut fünf Jahre nach dem Sturz von Machthaber Muammar Gaddafi hat Libyen weiterhin keine Staatsmacht und keine geeinten und schlagkräftigen Sicherheitskräfte.

Zahlreiche Milizen ringen nach wie vor um Einfluss, immer wieder auch mit Gewalt. So gab es erst vor wenigen Tagen heftige Kämpfe in der Hauptstadt Tripolis. Dort hat die Einheitsregierung ihren Sitz, sie wird von den Vereinten Nationen unterstützt. Doch ihr ist es bisher nicht gelungen, Tritt zu fassen. In Tobruk, im Osten, harrt weiterhin eine rivalisierende Regierung aus.

Der Kampf gegen den IS in Sirte bietet indes wichtige Lektionen für die Schlacht um Mossul im Irak: Wie die Angreifer in Mossul, mussten auch die in Sirte Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nehmen. Die Extremisten hielten fast bis zum Schluss viele Dutzend Frauen und Kinder als Geiseln in ihrer Gewalt. Dazu kamen die Familien der IS-Kämpfer, die man ebenfalls schonen wollte. Das machte die Offensive auf Sirte so kompliziert und äußerst langwierig. Die Herausforderung dürfte in Mosul ohnehin viel größer sein: Einst lebten dort fast drei Millionen Menschen - in Sirte waren es gerade mal 140.000.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Dezember 2016 um 16:00 Uhr

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