Flüchtlinge im Libanon, Bild vom 25.03.2016 | Bildquelle: dpa

Eine Million Flüchtlinge im Libanon "Eine tickende Bombe"

Stand: 30.03.2016 20:48 Uhr

Der Libanon ist eines der Länder, die dringend Hilfe brauchen, so UN-Generalsekretär Ban. Vier Millionen Libanesen leben dort, eine Million Flüchtlings wurden bislang registriert. Das Land ist nach Meinung vieler Bewohner am Rande seiner Belastbarkeit.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

Man stelle sich vor, allein die Stadt Berlin müsste eine Million Flüchtlinge beherbergen und versorgen. Gemessen an der Einwohnerzahl ist dies in etwa das Problem, vor dem der Libanon steht. Es ist erstaunlich, dass die Krise im Land noch nicht eskalierte.

Bente Scheller leitet das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut. In einem Dokumentarfilm hat die Stiftung die Stimmung eingefangen, die bei vielen Libanesen herrscht. "Ja, ich finde das völlig faszinierend, wie das hier funktioniert. Man muss sich ja auch jenseits dieser Größenordnung vor Augen halten, dass man in Berlin oder in Deutschland eine funktionierende Regierung hat, die sich um einen Großteil der Probleme kümmert. Und hier liegt die Last dessen, damit umzugehen, im Wesentlichen auf den Schultern der einzelnen Menschen."

Wer ist ärmer: Libanesen oder Flüchtlinge?

Es sind Szenen wie diese, die im Dokumentarfilm die Stimmung widergeben: "Die Flüchtlinge behaupten, dass sie arm sind?" fragt ein Gemüsehändler. "Ich bin arm! Warum kommt ihr her, wir sind ärmer als ihr!" "Sie sagen, sie haben Hunger? Ich habe Hunger!" ergänzt ein arbeitsloser Mann.

Ein Land mit gewaltigen Probleme

Der Libanon hat gewaltige eigene Probleme. Das Land leidet unter einer korrupten, ineffizienten Verwaltung. Die zerstrittenen Parlamentarier versuchen vergeblich, sich auf einen neuen Präsidenten zu einigen. Es herrschen eine Elektrizitätskrise, eine Wasserkrise und auch eine bei der Müllabfuhr. Viele Libanesen seien arm, und sie seien angesichts der Flüchtlinge, die ja kaum Unterstützung vom Staat erhalten, von Bedenken geplagt, sagt Bente Scheller, sie hätten Angst um den eigenen Arbeitsplatz oder um die Wirtschaft des Landes. "Das sind Dinge, die man hier auch deutlich weniger von der Hand weisen kann als in Deutschland, weil einfach die Zahlen so sehr viel anders sind."

Auf die Frage, wieso das alles bislang noch halbwegs gut geht, antwortet so mancher Libanese mit einem Wort: "Autopilot." Viele glauben, dass die Regierung die Krise einfach aussitzen will.

Doch die Stimmung im Land wird schlechter und die Wut vieler Menschen immer größer: "Es sei gut, dass die Syrer seit rund einem Jahr nicht mehr so einfach in den Libanon einreisen dürften", erklärt ein Mann in Beirut. "Wer hier ist, ist hier", sagt er. Aber wer noch in Syrien sei, der solle dort bleiben.

Gerüchte heizen die Stimmung weiter an

Überall machen Gerüchte die Runde, obwohl die offiziellen Zahlen sie entkräften: Es gebe jetzt deutlich mehr Kriminalität, behauptet zum Beispiel die Betreiberin eines kleinen Bistros in Shtoura, in der Bekaa-Ebene, wo besonders viele Flüchtlinge in Zeltlagern leben. Überall bettelten syrische Kinder, erzählt die Frau. Angeblich habe man sogar schon Leichname von syrischen Kindern einfach so auf der Straße gefunden.

Die Frau befürchtet, dass die Flüchtlinge den Krieg aus ihrem Land in den Libanon bringen könnten: "Ich denke, wir werden bald Krieg haben", sagt sie. "Wir leben in ständiger Angst."

Das kleine fragile Land braucht dringend mehr Unterstützung aus dem Ausland, seine Stabilität steht auf dem Spiel. Der eingangs erwähnte Dokumentarfilm der Heinrich-Böll-Stiftung trägt den Titel: "Eine tickende Bombe"

Libanon braucht Verhandlungserfolg bei Syrien-Gespächen
J. Stryjak, ARD Kairo
30.03.2016 16:31 Uhr

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