Verteilung von Lebensmitteln an syrische Flüchtlinge

Syrien-Flüchtlinge im Libanon Kleines Land, große Last

Stand: 28.10.2014 00:01 Uhr

Der Libanon hat rund vier Millionen Einwohner - und mehr als eine Million Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Das Land ist damit in vielfacher Hinsicht überfordert. Denn der Libanon - früher einmal "Schweiz des Nahen Ostens" genannt - hat ohnehin viele Probleme.

Von Stefan Ehlert, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Dem 18-jährigen Syrer Jehia wurde eine traurige Berühmtheit zuteil: Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen im Libanon registrierte den jungen Mann offiziell als millionsten syrischen Flüchtling. Jetzt lebt er mit seiner Familie am Rande von Beirut in einer angemieteten Garage. "Wir haben unsere Ausbildung verloren, wir haben unser Zuhause verloren, wir haben viele Mitglieder unserer Familie verloren. Jede Familie hat jemanden verloren. Der millionste Flüchtling zu sein, schockiert mich. Denn das zeigt, wie viele wir sind. Da ist ja niemand mehr in Syrien."

Ein halbes Jahr ist das jetzt her. Und die Zahl der Flüchtlinge wächst stetig weiter. Nach UN-Schätzungen werden bald mehr als 1,5 Millionen Syrer im Libanon als Flüchtlinge registriert sein, mehr als ein Drittel der libanesischen Wohnbevölkerung. Hinzu kommen noch all die, die sich nicht registrieren ließen, aus welchen Gründen auch immer, darunter wohlhabende Geschäftsleute, die die Wohnungs- und Mietpreise nach oben treiben.

Um Mohamed gehört nicht zu dieser Gruppe. Sie, ihr Mann und die vier Kinder flohen aus Rakka in Syrien - heute ist das eine Hochburg der Terrorgruppe "Islamischer Staat". Nun bewohnt die ganze Familie ein Zelt im fruchtbaren Bekaa-Tal auf der libanesischen Seite der Grenze. Sie lebt von dem, was die 12-jährige Tochter Rafah bei der Landarbeit auf den umliegenden Feldern verdient. Die Eltern haben keine Jobs gefunden. "Ich will sie nicht arbeiten sehen, aber was können wir tun? Sie kommt müde nach Hause, wie irgendein Arbeiter. Sie ist doch ein junges Mädchen. Sie hat nie zuvor gearbeitet."

Der Libanon: politisch instabil, wirtschaftlich am Boden

Zwei Flüchtlingsschicksale von Millionen: 3,2 Millionen Syrer haben ihr Land verlassen, Millionen sind innerhalb Syriens auf der Flucht. Die Dimension der Krise sei kaum mehr fassbar, sagte UN-Flüchtlingskommissar Antonio Guterres bei seinem jüngsten Besuch in einem libanesischen Camp. "Dieses Leiden der Syrer hätten wir vor ein paar Jahren niemals vorhersehen können."

Eine syrische Frau geht mit einem Kind an der Hand durch ein Flüchtlingslager | Bildquelle: REUTERS
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Mehr als drei Millionen Syrer sind auf der Flucht - ein Drittel ist allein im Libanon untergekommen. Hier ein Foto aus dem Flüchtlingslager in Zahle

Die Wirkung auf den Alltag der Libanesen, auf die Preise, auf die Mieten, ihre Löhne, die Wirkung auf das Schulsystem, das Gesundheitswesen, Infrastruktur, Wasser, Elektrizität - all das erfordert eine massive Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft. Nur zum Vergleich: Würde Deutschland im Verhältnis so viele Flüchtlinge aufnehmen wie der Libanon, dann wären das 25 bis 30 Millionen Menschen. Dabei ist der Libanon - früher einmal die Schweiz des Nahen Ostens genannt - selbst politisch und religiös zerrüttet, außerdem überschuldet.

Übergriffe auf Syrer

Seit Monaten können sich die verfeindeten Lager nicht auf einen Präsidenten einigen - es gibt keinen. Die Sozialsysteme sind ungeeignet, jeden Dritten im Land zu versorgen. Die Arbeitslosigkeit liegt heute schon bei 30 Prozent. Tausende syrischer Straßenkinder in den libanesischen Städten zeugen davon, dass die Auffangmöglichkeiten und auch die -bereitschaft der Gesellschaft begrenzt sind. Hinzu kommt die berechtigte Furcht, dass mit den Flüchtlingen Extremisten ins Land kommen.

Viele Libanesen haben Angst davor und wehren sich, auch mit Gewalt. Es wurden schon Lager zerstört, ihre Bewohner vertrieben, darunter auch Frauen und Kinder. "Sie haben Steine geschmissen, sie bedrohten uns, es ist nicht sicher für uns - weder unter den Schiiten noch unter den Sunniten. Was haben wir getan?, klagte jüngst eine Syrerin im arabischen Fernsehsender Al Dschasira. Inzwischen hat die Regierung angekündigt, bis auf Ausnahmen keine weiteren Flüchtlinge aus Syrien mehr aufzunehmen. Ob die, die schon da sind, einmal heimkehren werden, ist ungewiss.

Dieser Beitrag lief am 28. Oktober 2014 um 11:26 Uhr im RBB Inforadio.

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