Blick auf das zerstörte Mossul | Bildquelle: dpa

Neue Strategie des IS Dezentraler Krieg aus dem Untergrund

Stand: 18.08.2017 21:33 Uhr

Der "Islamische Staat" ist längst nicht besiegt, aber er ändert seine Strategie. Er lockt Kämpfer nicht mehr ins selbsternannte Kalifat, sondern ruft zu Anschlägen in Europa auf. Über Soziale Netzwerke organisiert sich die Terrormiliz dezentral.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Vor gerade mal gut einem Monat wurde in Mossul ausgelassen gefeiert. Die zweitgrößte Stadt des Irak galt als befreit - nach Monaten heftiger Kämpfe und mit Unterstützung der internationalen Anti-IS-Koalition konnten die irakischen Streitkräfte Mossul von den Dschihadisten zurückerobern.

Hier hatte IS-Anführer al-Baghdadi 2014 das Kalifat ausgerufen. Nahezu euphorisch wandte sich Ministerpräsident Al-Abadi jetzt aus derselben Stadt an die Weltöffentlichkeit: "Ich erkläre von hier aus Mossul der ganzen Welt das Ende, das Versagen, den Zusammenbruch des sogenannten Islamischen Staates!"

Kämpfe in Mossul halten an

Doch die großen Worte wollen nicht so recht zur Realität passen: Die Kämpfe in Mossul halten weiter an - einzelne IS-Anhänger haben sich verschanzt, bilden sogenannte Widerstandsnester. Bis heute ist nicht klar, wie viele IS-Anhänger immer noch im Irak aktiv sind oder sich versteckt halten.

Die Streitkräfte beginnen jetzt die Offensive auf die nächste irakische IS-Hochburg, Tal Afar. Dort habe man leichtes Spiel, betont ein General: "Ich erwarte nicht, dass Tal Afar ein schwieriger Kampf wird, der Feind ist angezählt, die Moral der Kämpfer ist weg, sie versuchen in alle Himmelsrichtungen zu fliehen."

Blick auf zerstörte Gebäude in Mossul | Bildquelle: dpa
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Blick auf zerstörte Gebäude in Mossul

25.000 menschliche Schutzschilde

Heftige Kämpfe toben derzeit auch auf der anderen Seite des selbsternannten IS-Kalifats - in Rakka in Syrien. Dort rücken mehrheitlich kurdische Kräfte mit Unterstützung der Anti-IS-Koalition vor. Nach Angaben der Vereinten Nationen droht ein Massaker an Zivilisten - rund 25.000 Menschen seien in den Händen des IS. Wie schon in Mossul missbrauchen die Dschihadisten die Zivilisten als menschliche Schutzschilde.

Die Kämpfer der Demokratischen Kräfte Syriens geben sich dennoch optimistisch - der IS habe ihnen auch hier nicht mehr viel entgegenzusetzen. Einer berichtet: "Wir kommen voran. Wir hatten heftige Kämpfe und einige Minen und Scharfschützen, aber jetzt rücken wir vor und die IS-Kämpfer laufen weg. Ihr Kampfgeist ist zusammengebrochen."

IS ruft zu Angriffen in Europa auf

Zwei Drittel ihres ursprünglichen Gebietes hat die Terrororganisation in ihrem selbstausgerufenen Kalifat mittlerweile verloren. Längst reisen auch kaum noch ausländische Anhänger mehr nach Syrien - im Gegenteil: Im Internet rufen IS-Anführer ihre Anhänger auf, in Europa zu bleiben.

So wie dieser französische Dschihadist, der selbst kurz nach seiner Botschaft bei Mossul getötet wurde: "Wenn ihr in Frankreich seid, selbst wenn die Grenzen weit offen sein sollten, sage ich euch: Bleibt dort und greift dort an, im Land der Ungläubigen."

Anti-Terror-Einheiten patrouillieren in Mossul | Bildquelle: REUTERS
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Anti-Terror-Einheiten patrouillieren in Mossul

Auch die Propaganda des IS hat sich verändert: Statt blumiger Beschreibungen, wie schön das Leben im Kalifat sei, Utopie in den schönsten Farben, geht es jetzt gezielt um den Dschihad in Europa. Schon im vergangenen Jahr hieß es in einem IS-Propagandavideo: "Ihr schickt uns Kampfjets, die Muslime bombardieren. Wir schicken Kämpfer, die euch abschlachten werden."

"Krieg aus dem Untergrund"

Nizar Adel-Kader, politischer Experte aus Beirut sagt: "Der IS wird weder in Mossul noch in Rakka, weder im Irak noch in Syrien ganz verschwinden. Der IS beginnt nur eine neue Phase - und zwar eine Art Krieg aus dem Untergrund. Seine Mitglieder verüben dann Anschläge."

Der IS stellt sich neu auf: Mit neuen Führungsfiguren, vor allem aber einer neuen Strategie: IS 2.0. sozusagen, dezentrale Kommunikation, vor allem über Soziale Netzwerke. Über Messenger-Dienste wie Telegram tauschen IS-Anhänger hochverschlüsselte Botschaften aus, die selbst von Experten nur schwer decodiert werden können.

Online-Beratung für Terroristen

Der Terror hat sich verselbstständigt – und bedarf keiner Weisung mehr aus irgendeinem Kalifat: Auf Plattformen gibt es Anleitungen für Anschläge mit einfachen Mitteln, beispielsweise mit Benzinkanistern oder Lkw. Sympathisanten werden online von anderen Dschihadisten angestachelt, Instrukteure geben Rat, wie ein Anschlag konkret ausgeführt werden kann und auf was man achten muss - eine Art Online-Beratung für werdende Terroristen.

Experten sagen: Der IS entwickelt sich mehr und mehr zu einem dezentralen Netzwerk weltweit verstreuter Fanatiker, die jederzeit und überall angreifen können. Einsame Wölfe - so hat sie ein führendes IS-Mitglied bereits vor einiger Zeit genannt. Und, wie ein Terrorismusexperte sagte: "Die Wölfe sind unter uns." Denn die Ideologie des IS - sie ist offenbar noch lange nicht besiegt.

Lage des IS im "Kalifat"
Anna Osius, ARD Kairo
18.08.2017 20:52 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. August 2017 um 17:14 Uhr.

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