Der Hinterkopf eines Mannes mit einer Kippa. | Bildquelle: dpa

Nach Angriff auf Juden in Marseille Baseballkappe oder Kippa?

Stand: 13.01.2016 15:53 Uhr

Nach der jüngsten Messerattacke auf einen jüdischen Lehrer in Marseille wird in Frankreich über das Tragen der Kippa in der Öffentlichkeit diskutiert: Der Chef des jüdischen Konsistoriums rief zum vorübergehenden Verzicht auf - als Schutzmaßnahme. Marseilles Großrabbiner hält nichs davon.

Barbara Kostolnik, ARD-Studio Paris

Wie groß ist die Gefahr für Juden in Frankreich in Zeiten, in denen die Terrormiliz "Islamischer Staat" dazu aufruft, sie zu attackieren? Zvi Ammar, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde von Marseille hält die Gefahr für sehr groß und lancierte folgenden Aufruf: "Das einzige Ziel meines Aufrufs, vorübergehend auf das Tragen der Kippa zu verzichten, ist, Leben zu schützen.Weil diese dummen Barbaren es auf uns abgesehen haben und vor nichts zurückschrecken, müssen wir intelligenter sein als sie."

Ammars Aufruf stößt auf ein geteiltes Echo. Auch in der jüdischen Gemeinde in Marseille: "Die Kippa aufzusetzen, heißt, zu zeigen, dass wir Juden sind", sagt ein junger Mann im jüdischen Viertel von Marseille. Ein älterer Mann ist nicht so strikt: "Wenn einer keine Kippa tragen will, dann werden wir keine Steine auf ihn werfen. Aber in diesem Viertel hier haben wir keine Angst."

Vorsicht ja, Verzicht nein

Ruben Ohana, der Großrabbiner von Marseille, will nicht so weit gehen wie Ammar. Er rät zwar auch zur Vorsicht, aber nicht zum völligen Verzicht: "Ich sage meiner Gemeinde und den Eltern, sie sollen auch weiterhin die Köpfe ihrer Kinder bedecken, aber diskret, mit einer Baseballkappe zum Beispiel, also keine auffällige, sondern eine neutrale Kopfbedeckung wählen."

Ein Rat, den viele Eltern gerne befolgen, wie diese Mutter in Marseille: "Ich sage meinem Sohn, er soll eine Kappe oder Mütze tragen, aber ich würde ihm niemals die Kippa abnehmen."

Die Kippa abzunehmen, um nicht mehr als Jude in der Öffentlichkeit wahrgenommen und damit kein potentielles Opfer eines Angreifers zu werden, ist nicht nur für viele Juden ein Ding der Unmöglichkeit. Auch für die französische Politik ist das ein No-Go-Vorschlag: "Wir müssen im Alltag überall die Freiheit jedes einzelnen Bürgers garantieren", echauffiert sich die sozialistische Justizministerin ChristianeTaubira. "Dazu gehört auch, seinen Glauben leben zu können, das heißt laizistische Republik."

"Fatales Zeichen, jetzt der Angst nachzugeben"

Und Christian Estrosi, der konservative Regionalratspräsident im Süden Frankreichs, ergänzt: "Ich verstehe die Beunruhigung innerhalb der jüdischen Gemeinden, aber es wäre ein fatales Zeichen für die Terroristen, jetzt der Angst nachzugeben. Wir dürfen keine Angst haben, keine Schwäche zeigen."

Das ist auch die Linie, die Frankreichs Großrabbiner Chaim Korsia vertritt. Korsia will etwas ganz anderes erreichen: Bei dem nächsten Heimspiel von Olympique Marseille sollen alle Fans aus Solidarität eine Mütze, einen Hut oder eine Kippa aufsetzen. Das kleine Problem: Im Fanshop von OM gehört eine Kippa in den Farben des Vereins noch nicht zur Standard-Ausrüstung.

Angst, die Kippa zu tragen? Debatte nach Angriff auf jüdischen Lehrer
B. Kostolnik, ARD Paris
13.01.2016 15:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Januar 2016 um 08:00 Uhr.

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