Saudi-Arabiens Außenminister Al-Jubeir emüfängt Sigmar Gabriel mit einer Tasse Tee. | Bildquelle: dpa

Gabriel in den Golfstaaten Ein Tässchen Tee zur Pendeldiplomatie

Stand: 04.07.2017 11:15 Uhr

Gabriels Reise in die Golfstaaten ist ein Drahtseilakt. Die Krise zwischen Katar und seinen Nachbarn scheint sich eher zuzuspitzen als abzuflauen. Doch der Außenminister gibt sich optimistisch - und setzt zunächst auf offene Ohren statt auf offene Worte.

Von Karin Dohr, ARD-Hauptstadtstudio

Auch eine heikle Mission kann durchaus Glücksmomente bieten. Für Bundesaußenminister Sigmar Gabriel startet die Pendeldiplomatie am Persischen Golf mit einer angenehmen Überraschung: Am Flughafen von Jeddah in Saudi-Arabien steht sein Amtskollege, Außenminister Al-Jubeir, höchstpersönlich und wartet den traditionellen Willkommenstee auf.

Das war so nicht geplant und ist auch nicht selbstverständlich: Saudi-Arabien gehört zur Anti-Katar-Koalition, die über den kleinen, extrem reichen und als außenpolitisch vorlaut empfundenen Nachbarn Katar eine Blockade verhängt hat. Eine Liste mit 13 Forderungen haben Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten dem Emir in Doha zukommen lassen: der Abbruch der Kontakte zum Iran etwa steht darauf, die Schließung des TV-Senders Al-Dschasira und der türkischen Militärbasis in Katar. Es ist eine Liste, die - wenn Katar sie tatsächlich eins zu eins erfüllen müsste - letztlich die Aufgabe der Souveränität des Zwergstaates bedeuten würde.

Nicht einmischen, sondern zuhören

Wenige Stunden, bevor das schon einmal verlängerte Ultimatum an Katar ausläuft, beginnt der deutsche Außenminister seine Tour durch vier Länder in drei Tagen. Was er tut, klingt nach Vermittlung - doch genau dieses Wort scheut Gabriel. Er sei nicht als Vermittler hier, betont er bei jeder Gelegenheit. Nicht einmischen, sondern zuhören, lautet das Motto.

Doch natürlich hat Gabriel durchaus auch Vorschläge im Gepäck, die eine weitere Eskalation des Konflikts verhindern sollen. Ein Abkommen gegen Terrorfinanzierung könnte so ein Instrument sein - das würde vielen nutzen und wäre auch im Interesse Europas und der USA. Fragt sich nur, wie interessiert die Blockadestaaten wirklich daran sind, wenn die Kontrolle der Finanzflüsse für Terror und Extremismus auch sie selbst betreffen könnte?

Gabriel gibt sich in Abu Dhabi optimistisch: Auch Saudi-Arabien habe in der Vergangenheit Terrororganisationen finanziert. Doch das Land habe seine Politik sehr geändert. "Es gibt diese Finanzierung immer noch, aber von Einzelpersonen, und die werden polizeilich verfolgt und bestraft", sagt Gabriel.

Finanzen kontrollieren - auch für Europa ein Pluspunkt

Was fehle, seien internationale Mechanismen zur Kontrolle von Finanzströmen, so Gabriel. Diese müssten "Zähne bekommen" - und da erfahre er viel Offenheit bei seinen Gesprächspartnern. Es wäre ein doppelter Gewinn auch für Europa: Krise eingedämmt und mehr Kontrolle bei der Terrorfinanzierung. Doch sind die Golfstaaten tatsächlich dazu bereit?

Der Charme der Golf-Diplomaten ist jedenfalls groß: Der saudische Außenminister fährt Gabriel höchstpersönlich durch die Stadt Jeddah, auch das anschließende Vier-Augen-Gespräch sprengt zumindest zeitlich jeden Rahmen - so sehr, dass Delegation und begleitende Presse beginnen zu scherzen, dass man wohl die Nacht ungeplant hier verbringen müsse, weil Gabriel und Al-Jubeir nicht genug voneinander zu bekommen scheinen.

Gesprächsthemen gibt es ja genug: Allein die Katar-Krise hat das Potential, die gesamte Region zu destabilisieren. Deutschland wäre nicht nur in seinen Wirtschaftsinteressen betroffen. Die Krise ist schwer zu lösen und kann sich jederzeit rasch verschärfen. Zu heftig sind die Eifersüchteleien gegenüber dem überaus selbstbewussten Katar. Zu ungewiss bleibt, ob wirklich alle Beteiligten einen kühlen Kopf bewahren - auch die wahren oder zumindest gefühlt Mächtigen, die ebenso vom Konflikt betroffen sind: der Iran etwa, Ägypten oder die Türkei.

Hilft das Mitmischen der USA?

Nicht jede Einlassung zur Krise ist hilfreich, wie das Handeln der USA zuletzt zeigte. Gabriel wird aber nicht müde, zu betonen, dass der US-Außenminister in den vergangenen Wochen erkennbar daran gearbeitet habe, eine friedliche Lösung herbeizuführen. So hat Rex Tillerson kürzlich die Außenminister der Konfliktstaaten in Washington empfangen - zwar nicht gemeinsam, aber doch zeitgleich.

Und auch Präsident Donald Trump schickt derzeit per Twitter Botschaften, die zumindest bei optimistischer Lesart Mut machen: Er habe "mit dem König über Frieden im Mittleren Osten gesprochen", schreibt Trump in Bezug auf den saudi-Arabischen König Salman. Er könnte seinem engen Partner in Riad also klar gemacht haben, dass der die Krise mit Katar nicht zum Brandherd werden lassen sollte - so die Interpretation deutscher Diplomaten, die sich notgedrungen im Kaffeesatzlesen digitaler Kurznachrichten üben.

Die deutschen Bemühungen - nein, es sei keine Vermittlung, stellt Gabriel einmal mehr klar - seien jedenfalls eng mit Washington abgestimmt. Und er spüre positive Signale bei seinen Gesprächspartnern: "Mein Eindruck ist", so Gabriel, "dass nach Spielräumen gesucht wird, die Verhandlungen möglich machen können. Die Bereitschaft ist da, sie muss aber auf allen Seiten existieren."

Machtspiele statt Entspannung?

Ob diese Einschätzung hält, wird sich schon sehr schnell zeigen: Morgen trifft sich die Anti-Katar-Koalition in Kairo. Dort könnte die Krise schnell eine ganz andere, sehr riskante Dynamik bekommen. Ägypten könnte versuchen, sich als Führungsmacht in der Region zu profilieren. Vielleicht gibt es also erst Muskelspiele statt Kompromisssuche. Außerdem spielt für Kairo die unterstellte Förderung der Muslimbrüderschaft durch Katar eine große Rolle - anders als am Persischen Golf.

Ob sich da der Wille zur Deeskalation durchsetzt, ist völlig offen. Auch, wenn Sigmar Gabriel bei seiner Mission das Prinzip Hoffnung betont: Diese Krise könnte erst noch schlimmer werden, bevor die Kontrahenten zu echten Verhandlungen bereit sind.

Über dieses Thema berichtete am 04. Juli 2017 Inforadio um 11:22 Uhr und tagesschau24 um 15:00 Uhr.

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