Ministerpräsident und Parlamentspräsidentin lassen eine riesige Katalonien-Flagge hissen

Katalanen protestieren am Nationalfeiertag Separatisten ohne Verhandlungspartner

Stand: 11.09.2016 12:39 Uhr

Zehntausende gehen heute in ganz Katalonien für die Unabhängigkeit auf die Straße. Eine gemeinsame Großkundgebung gibt es nicht - und in Madrid immer noch keine Regierung, mit der man verhandeln könnte. Und so wird weiter protestiert.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Soldaten in historischen Uniformen stehen an einem langen roten Teppich, über den der katalanische Regierungschef und die Parlamentspräsidentin schreiten. Auf ihr Zeichen wird eine riesige Katalonien-Flagge gehisst.

Die Teilnehmer des offiziellen Festakts zum Nationalfeiertag gestern Abend in Barcelona blicken vor allem zurück - auf eine Zeit vor mehreren hundert Jahren, in der Katalonien noch ein eigenständiges Land war. Diesen Zustand will die aktuelle Regionalregierung wiederherstellen. Und sie hat dabei viele Unterstützer.

Historisch gekleidete Soldaten empfangen den katalanischen Ministerpräsidenten Puigdemont
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Historisch gekleidete Soldaten empfangen den katalanischen Ministerpräsidenten Puigdemont

Keine gemeinsame Großkundgebung mehr

Independencia - Unabhängigkeit. Was beim Festakt nur eine Handvoll Menschen rufen, wird heute von Zehntausenden zu hören sein. Und zwar zum ersten Mal in fünf katalanischen Städten gleichzeitig, über die ganze Provinz verteilt. Ist das ein Zeichen dafür, dass sich die Separatisten zerstritten haben und nicht mehr gemeinsam eine Großkundgebung organisieren? Darüber hatten einige spanische Medien vorab spekuliert. Der Präsident der Unabhängigkeitsbewegung, Jordi Sanchez, widerspricht: "Hier geht es weder um Uneinigkeit noch um Auflösungserscheinungen. Wir zeigen vielmehr, dass wir in ganz Katalonien präsent sind. Wir verändern jedes Jahr unsere Protestaktionen - das ist die neueste Form."

Jordi Sanchez (rechts), Präsident der Unabhängigkeitsbewegung ANC
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Jordi Sanchez (rechts), Präsident der Unabhängigkeitsbewegung ANC

Die Argumente der Separatisten sind dagegen immer noch dieselben: Spanien nehme zu wenig Rücksicht auf die katalanische Sprache und Kultur, die Provinz mit ihrer starken Wirtschaft müsse jedes Jahr viele Steuermilliarden nach Madrid zahlen und sei deshalb hoch verschuldet. Für die Regionalregierung in Barcelona ist deshalb klar: Bis Mitte 2017 soll Katalonien unabhängig sein. Vor ein paar Wochen hatte sie dieses Projekt offiziell auf den Weg gebracht.

Eine neue Phase des Konflikts?

Doch die spanische Zentralregierung wehrte sich und schaltete das Verfassungsgericht ein. Die Richter erklärten den Abspaltungsplan für illegal. Jordi Sanchez kann das nicht verstehen. "Der spanische Staat hat sich für den Konfrontationskurs entschieden. Das lehnen wir ab. Aber wenn Spanien dabei bleibt und nicht einlenkt, erreichen wir eine neue Phase des Konflikts. Dann muss sich die Europäische Union einschalten. Denn ich glaube, dass sonst eine große Krise droht, die die Institutionen in ganz Südeuropa erreichen kann."

Geschäfte in Barcelona haben sich auf Unabhängigkeits-Fanartikel spezialisiert: Katalonien-Fahnen, T-Shirts, ...
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Doch die Loslösungspläne der Katalanen kommen auch deshalb nicht voran, weil sie in Madrid zurzeit keinen Verhandlungspartner haben, der weitreichende Entscheidungen treffen kann. Seit neun Monaten ist in Spanien nur eine geschäftsführende Regierung im Amt - ohne die Kompetenz, Gesetze auf den Weg zu bringen. "Wir sind die Ersten, die wollen, dass Spanien eine neue Regierung bekommt. Denn das ist die wichtigste Voraussetzung, dass wir als Nachbarn unsere Ziele voranbringen können."

Bis dahin wird protestiert. Heute sogar mit Unterstützung der katalanischen Regionalregierung: Ministerpräsident Carles Puigdemont geht mit auf die Straße. Die Kundgebungen beginnen um Punkt 17.14 Uhr - in Anlehnung an das Jahr 1714, in dem Katalonien seine Unabhängigkeit an Spanien verlor.

"Spanien auf Konfrontationskurs!" Katalanen gehen auf die Straße
O. Neuroth, ARD Madrid
11.09.2016 10:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. September 2016 um 05:19 Uhr

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