Zeitungen in China | Bildquelle: AFP

Journalismus in China So unfrei wie nie zuvor

Stand: 25.02.2017 01:57 Uhr

2016 hat der chinesische Staatssender Besuch von ganz oben bekommen. Staatschef Xi diktierte den Redakteuren und Reportern seine Vorstellungen vom Journalismus. Ein Jahr später sind Chinas Medien so unfrei wie nie zuvor.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Chinas Staatschef Xi Jinping vor einem Jahr: Lächelnd spaziert er durch die topmodernen Großraumbüros des Staatssenders CCTV in Peking. Dutzende Redakteure, Moderatoren und Reporter stehen Spalier und klatschen begeistert.

Per Video wird Xi in die USA geschaltet, zum Korrespondententeam des chinesischen Staatssenders in Amerika. Das Korrespondententeam im Ausland winkt in die Kamera, begrüßt Chinas Staatschef auf Englisch und alle hören brav zu, was der zu sagen hat: "Ich hoffe, Sie erklären den Zuschauern die Entwicklungen der Wirtschaft und der Gesellschaft Chinas objektiv, wahrheitsgemäß und umfassend. Es geht darum, die chinesische Erfolgsstory zu erzählen, für die chinesische Kultur zu werben und Brücken der Freundschaft bauen."

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Chinas Staatschef Xi machte 2016 bei seinem Besuch des chinesischen Staatsfernsehens deutlich, was er von den Journalisten erwartet.

Xi Jinpings Auftritt bei CCTV und anderen staatlichen Medien vor einem Jahr markiert einen Paradigmenwechsel für Chinas Medien. Berichtet im Sinne der Partei, im Sinne des Staates und berichtet Gutes! Diese Regeln galten für Chinas Journalisten zwar inoffiziell schon vorher, seit einem Jahr sind sie aber offiziell verordnete Politik.

Parteigehorsam als oberste Direktive

"Xi Jinping sagt: Alle Medien müssen mit Nachnamen 'Parteigehorsam' heißen", sagt David Bandurski von der Hongkonger Medien-Beobachtungsstelle "China Media Project". "Er hat die komplette Kontrolle der Staatspartei über alle Medien hinweg wiederbelebt - egal, ob es um Social-Media-Anbieter geht oder um die großen Zeitungen, Podcast-Anbieter oder Sender. Alles ist der Parteilinie untergeordnet."

Gleichzeitig mit Präsident Xis Besuch bei mehreren großen Medien-Häusern vor einem Jahr gab die chinesische Staatsführung offizielle Richtlinien heraus. Einer der Kernsätze in den schriftlich formulierten Vorgaben: "Wahrhaftigkeit ist der Lebensnerv des Journalismus. Über Fakten muss wahrheitsgetreu berichtet werden. Wenn Journalisten akkurat über Fakten berichten, müssen sie auch die Gesamtperspektive begreifen und wiedergeben" - was nichts anderes heißt als: Im Zweifelsfall muss die journalistische Arbeit der Partei- und Regierungslinie untergeordnet werden.

Handwerklich top - inhaltlich fragwürdig

Das schlägt sich auch in der Ausbildung nieder. Landesweit bilden die chinesischen Unis Schulabsolventen zu Reportern aus. In Sachen Social Media und Online-Journalismus wird den Presse-Berufseinsteigern in China topmodernes Handwerkszeug beigebracht. Inhaltlich aber sieht es - nach westlichen Standards - ganz anders aus.

"Journalismus-Studenten in China wird beigebracht, dass die Arbeit eines Journalisten darin besteht, über die Arbeit der Regierung zu berichten", sagt Keith Richburg, langjähriger "Washington Post"-Korrespondent in Peking und heutiger Leiter des Journalismus-Lehrstuhls der University of Hong Kong. "Sie lernen nicht, Informationen aus nicht-offiziellen Quellen aufzuspüren. Reporter in China wissen genau, welche Themenbereiche zu sensibel sind, um darüber zu berichten."

Auch die letzten Freiräume schwinden

David Bandurski vom unabhängigen "China Media Project" in Hongkong zieht eine ernüchternde Bilanz: "Die Kontrolle ist unglaublich scharf. Selbst die besten Journalisten des Landes sagen: Naja, ein bisschen Freiraum haben wir noch. Aber hinter vorgehaltener Hand: Jeder Freiraum verschwindet."

Journalismus in China: So unfrei wie nie zuvor
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
24.02.2017 17:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio am 21. Februar 2017 um 23:50 Uhr.

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