Trauer um Jo Cox | Bildquelle: dpa

Prozess in London Jo Cox' mutmaßlicher Mörder vor Gericht

Stand: 14.11.2016 13:31 Uhr

Der Mord an der pro-europäischen Labour-Abgeordneten Jo Cox eine Woche vor dem Brexit-Referendum hat Großbritannien geschockt. Seit heute steht der Mann vor Gericht, der für die Tat verantwortlich sein soll.

Von Stephanie Pieper, ARD-Studio London

"Tod den Verrätern, Freiheit für Britannien": So gab Thomas Mair seinen Namen an bei einer ersten gerichtlichen Anhörung wenige Tage nach dem Mord an Jo Cox. Am 16. Juni dieses Jahres hatte er der Parlamentarierin vor ihrer Bürgersprechstunde im Städtchen Birstall aufgelauert, mit einem Messer auf sie eingestochen und schließlich auf sie geschossen - so die Anklage.

Die Labour-Politikerin hatte vor dem Volksentscheid am 23. Juni leidenschaftlich dafür gekämpft, dass Großbritannien in der EU bleibt. Ihr mutmaßlicher Mörder sitzt im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh in London ein. Und auch vor Gericht steht der 52-Jährige nicht dort, wo die Tat geschah, im Norden Englands, sondern in der Hauptstadt, vor dem Old Bailey, dem Strafgerichtshof: Denn das Verfahren findet unter dem sogenannten Terrorismus-Protokoll statt. Der Angeklagte hatte laut Augenzeugen vor der Attacke auf die Abgeordnete "Britain First" gerufen, den Namen einer rechtsextremen Organisation.

"Vergiftete Atmosphäre"

Witwer Brendan Cox sagte in einem BBC-Interview vor wenigen Wochen: "Zur vergifteten Atmosphäre vor Jos Tod hat nicht nur die erhitzte Debatte vor dem EU-Referendum beigetragen. Es ist eine tiefergehende Krankheit in unserer Politik: die steigende Tendenz, die Schuld für unsere Probleme anderen in die Schuhe zu schieben, seien es Zuwanderer, Muslime oder Europa."

Jeden Tag, erzählt Cox, spreche er mit seinem Sohn und seiner Tochter, beide im Kindergartenalter, über ihre Mutter. Er hat ihnen nicht verheimlicht, auf welch grausame Weise sie gestorben ist. Psychologen hatten ihm dazu geraten, weil die Kinder die brutale Wahrheit sonst anderswo aufschnappen würden. Eine Frage jedoch kann Brendan Cox ihnen und sich selbst bis heute nicht beantworten: Warum? Warum tut jemand so etwas?

Beerdingung von Jo Cox
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Abschied von Jo Cox: Trauernde in ihrem Wahlkreis am 15. Juli.

Ihr Vermächtnis ist jetzt seine Aufgabe

Auf Einladung des US-Präsidenten besuchten Cox und die Kinder das Weiße Haus und trafen dort Barack Obama persönlich. Der Witwer setzt das Engagement seiner ermordeten Frau gegen Extremismus und für eine gerechtere Gesellschaft fort. Ihr Vermächtnis ist jetzt seine Aufgabe: "Großbritannien hat eine lange Tradition der Toleranz, der Vielfalt, der Offenheit - das macht uns zu einem großartigen Land. Aber die extreme Rechte hat in den vergangenen Jahren den Patriotismus gekapert - und das dürfen wir nicht länger zulassen."

Tracy Brabin | Bildquelle: REUTERS
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Tracy Brabin zog für Cox ins Parlament ein.

Den Sitz von Jo Cox im britischen Unterhaus nahm vor wenigen Wochen für Labour ihre Freundin Tracy Brabin ein. Sie vereinte bei der Nachwahl 85 Prozent der Wählerstimmen auf sich, weil die etablierten Parteien keine eigenen Kandidaten gegen sie aufstellten - aus Respekt vor Cox. In ihrer ersten Rede im Parlament sagte Brabin, der Anschlag habe nicht nur einer Frau, einer Familie und einer Gemeinde gegolten, sondern den Grundlagen und den Prinzipien unserer Demokratie.

Thomas Mair, der des Mordes an Cox Angeklagte, ist ein arbeitsloser Gärtner. Er soll ein Einzelgänger gewesen sein und psychische Probleme gehabt haben. Der Prozess wird mindestens drei Wochen dauern.

Mord an Jo Cox: Prozessauftakt in London
Stephanie Pieper, ARD London
14.11.2016 11:45 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 14. November 2016 um 06:22 Uhr im "Morgenecho".

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