Unterernährtes Kind in einem Krankenhaus in Sanaa | Bildquelle: REUTERS

Hungersnot im Jemen "Was hier passiert, ist ein Albtraum"

Stand: 18.01.2018 01:32 Uhr

Gewalt, Vertreibung, Krankheiten, Unterernährung und kaum Zugang zu medizinischer Hilfe und Bildung. Die Kinder im Bürgerkriegsland Jemen leben unter katastrophalen Bedingungen.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Der winzige Säugling im Brutkasten eines Krankenhauses in Sanaa ist bis auf die Knochen abgemagert, einzeln stehen die Rippen hervor. Der Körper verschwindet fast in einer viel zu großen Windel.

Das kleine Gesicht zwischen den Kabeln und Schläuchen sieht uralt aus. Die Nachrichtenagentur Reuters, die die Bilder gedreht hat, schreibt warnend dazu: Achtung, der Inhalt des Videos kann schockieren. Auch die anderen Neugeborenen der Station sind völlig unterernährt.

Für das, was sich derzeit im Jemen abspielt, gibt es wohl keine Worte, die das Elend treffend beschreiben würden. Vielleicht Zahlen: 25.000 Babys würden pro Jahr nach der Geburt oder in den ersten Lebensmonaten sterben, sagt Mertixell Relano, zuständig für den Jemen beim UN-Kinderhilfswerk UNICEF. "Viele Kinder gehen hungrig zu Bett und aktuell haben wir anderthalb Millionen Kinder im Land, die unterernährt sind."

Fast die gesamte Bevölkerung braucht Hilfe

Im Jemen herrscht eine akute Hungersnot. Hunderttausende sind vom Tod bedroht. Fast 80 Prozent der 28 Millionen Einwohner Jemens brauchen Hilfe.

Es sei eindeutig, dass im Jemen die größte Hungerkrise weltweit herrsche, sagt Bettina Lüscher vom Welternährungsprogramm. "Es ist tatsächlich die schlimmste Krise, die wir derzeit auf der Welt haben. Und es ist sehr schwer, damit umzugehen. Wir haben 8,4 Millionen Menschen, die komplett abhängig sind von Lebensmittelhilfen, viele unterernährte Kinder und mehr als eine Million unterernährte Schwangere und stillende Mütter."

Im Jemen herrscht seit Jahren ein blutiger Bürgerkrieg. Schiitische Huthi Rebellen kämpfen gegen die Truppen von Präsident Hadi, der von Saudi-Arabien unterstützt wird. Ausländische Beobachter kommen kaum noch ins Land. Eine Militärkoalition unter Führung Saudi-Arabiens fliegt seit bald drei Jahren Luftangriffe im Jemen.

Ein jemenitischer Junge mit Verdacht auf Cholera wird am 28.06.2017 in einem Zelt in einem Krankenhaus in Sana'a (Jemen) behandelt. | Bildquelle: dpa
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Ein jemenitisches Kind mit Verdacht auf Cholera wird in einem Zelt in einem Krankenhaus in Sanaa behandelt.

Immer wieder werden zivile Ziele bombardiert

Dabei bombardieren die Kampfjets immer wieder auch zivile Ziele wie Märkte, Hochzeitsfeiern oder Schulen. Die UN-Einsatzgruppe, die solche Verstöße überwacht, habe berichtet, dass in dem Konflikt in den vergangenen Jahren mehr als 5000 Kinder getötet oder verwundet wurden, so Relano.

Für das Bombardement ziviler Einrichtungen steht Saudi-Arabien international in der Kritik. Die Huthi-Rebellen ihrerseits feuerten bereits mehrmals Raketen Richtung Riad, die Geschosse konnten aber abgefangen werden.

Um den Jemen vor dem finanziellen Kollaps zu bewahren, hat Saudi-Arabien nun zwei Milliarden US-Dollar an den krisengeschüttelten Nachbarn überwiesen. Mehrere Hilfsorganisationen forderten, dass Saudi-Arabien nun auch humanitären Hilfslieferungen uneingeschränkt freien Zugang gewährt.

Die Militärkoalition hatte im November den von Huthis kontrollierten Norden des Landes zunächst komplett von Hilfslieferungen abgeschottet - momentan ist die Blockade eines Seehafens befristet ausgesetzt, um die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Doch am Samstag läuft die Frist ab.

Und zu dem Hunger kommen die Krankheiten: Die Zahl der Cholera-Infizierten hat die Millionengrenze überschritten, auch die lebensgefährliche Infektionskrankheit Diphterie ist ausgebrochen. Leittragende des Konfliktes im Jemen sind - wie so oft - die Zivilisten. Und bislang ist keine Lösung in Sicht. Für Bettina Lüschner ist das, was gerade im Jemen passiert, nichts anderes als "ein Albtraum"

Jemen: Hilfsorganisationen schlagen Alarm
A. Osius, ARD Kairo
18.01.2018 01:01 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR5 am 18. Januar 2018 um 08:22 Uhr.

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