Ein Mädchen im Jemen liegt auf einem kahlen Krankenbett. Es hat sich mit Cholera angesteckt. | Bildquelle: dpa

Krieg im Jemen Hunger, Krankheit, Angst - Alltag

Stand: 31.10.2016 21:48 Uhr

Kinder - zu schwach zum Weinen. Mütter, denen die Kraft fehlt, um zu helfen. Alltag in Jemens vergessenem Krieg. Ein Mitarbeiter des Welternährungsprogramms war vor Ort - im UN-Sicherheitsrat zeichnete er ein düsteres Bild von Hunger und Hoffnungslosigkeit.

Von Georg Schwarte, ARD-Studio New York

25 Jahre arbeitet Muhannad Hadi jetzt für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Er hat Hunger gesehen. Tod. Unterernährung. Aber nach sieben Tagen unterwegs im Jemen und einem Besuch eines Krankenhauses in der schwer bombardierten Hafenstadt Houdeidah sitzt er im Sicherheitsrat in New York und sagt: "Ich habe Kinder und Bilder gesehen, die ich nie wieder vergessen werde."

Rund 10.000 Kinder sind seit 2015 im Jemen gestorben: an vermeidbaren Krankheiten, an nicht erfolgten Impfungen, an Infektionen durch Unterernährung. Etwa 370.000 Kinder unter fünf Jahren sind derzeit akut durch den Hungertod bedroht. Nicht aufgrund einer Dürre, nicht durch die Natur, sondern durch menschengemachtes Elend in dem 19 Monate dauernden Bürger- und Bombenkrieg. Und mittendrin der hilflose Helfer des Welternährungsprogramms. "Ich wusste nicht, mit wem ich mehr Mitleid haben sollte: Mit einem unterernährten Kind im Krankenbett, zu schwach und zu müde, um zu weinen. Oder mit der Mutter, zu hungrig und entkräftet, um ihrem Kind zu helfen."

80 Prozent der Menschen auf Hilfe angewiesen

19 Monate Krieg. Eine von Saudi-Arabien angeführte Koalition bombt aus der Luft. Gerade erst am Wochenende starben mindestens 60 Menschen bei einem Angriff auf ein Gefängnis in Houdeidah. Anfang Oktober waren es 140 Tote bei einem Luftangriff auf eine Beerdigung. Insgesamt 10.000 Tote seit Ende 2014, mehr als 35.000 Verletzte, 80 Prozent der Bevölkerung sind angewiesen auf Hilfe von außen.

Hadi schaut in den Sicherheitsratssaal: "Kinder verhungern. Diese Augen, der Hunger eingegraben in die Gesichter." Das habe ihn nicht nur als humanitären Helfer, sondern als Vater am meisten getroffen. Er hat in die Gesichter der Jemeniten geschaut und brachte ihre Botschaft mit in den Sicherheitsrat: Der jemenitische Staat ist zerbrochen, die Menschen hätten den Eindruck sie stürben allein und die Welt habe sie vergessen.

UN-Koordinator fordert Waffenstillstand

Jemen - der vergessene Krieg. Der UN-Nothilfekoordinator Steven O'Brien appelliert an alle: an die mit Einfluss auf die Saudis, an die Amerikaner und die Briten, die den amtierenden Präsidenten im Jemen, Abed Rabbo Mansur Hadi, unterstützen und auch an den Iran, der die Huthi-Rebellen angeblich militärisch berät und unterstützt. "Sorgt für einen Waffenstillstand. Sofort. Sorgt dafür, dass Hilfe ins Land kann", fordert O'Brien.

Houdeidah und der Hafen sind nahezu zerstört. Ladekräne wurden bombardiert. 80 Prozent der Nahrung im Jemen wird importiert. Houdeidah, die Lebensader, ist kaputt. Es gibt laut UN 61 bestätigte Cholerapatienten und 1700 Verdachtsfälle. Die Dunkelziffer ist wesentlich höher, denn längst gibt es keine Choleratests mehr im Land.

Der Jemen: Der vergessene Krieg, das vergessene Land. Und ein kollektives, verzweifeltes Gebet aller Menschen im Jemen, dass Muhannad Hadi im Saal des Sicherheitsratssaales wiederholt: "Al Allah. Wir sind alle in Gottes Hand."

Der vergessene Krieg in Jemen - UN warnt vor Hungersnot
G. Schwarte, ARD New York
31.10.2016 20:55 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. November 2016 um 05:19 Uhr und die tagesschau am 01. November 20016 um 05:30 Uhr.

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