Am 7. Dezember 1941 explodiert das Munitionsmagazin des US-Zerstörers "Shaw" in der Marinebasis Pearl Harbor. | Bildquelle: REUTERS

75 Jahre nach Pearl Harbor Japan und die Kriegsschuld

Stand: 27.12.2016 05:16 Uhr

Rund 75 Jahre nach dem Angriff auf die US-Marinebasis Pearl Harbor wird erstmals ein japanischer Regierungschef die Gedenkstätte der USS "Arizona" besuchen. In Japan hat dies die Debatte über Kriegsschuld neu entfacht.

Von Kathrin Erdmann, ARD-Studio Tokio

Die 22-jährige Kana studiert BWL und ist begeisterte Läuferin. Gerade ist sie aus Hawaii zurückgekommen: "Ich habe am Honolulu-Marathon teilgenommen. Ich muss sagen, dass ich mich dort als Japanerin nicht wohl gefühlt habe. Ich hatte den Eindruck, ich werde kritisch beäugt. Insofern finde ich den Abe-Besuch jetzt schon gut und sehr wichtig."

Auf Hawaii habe sie auch Amerikaner gesehen, die 1941 durch den japanischen Angriff verwundet wurden, das habe ihr weh getan. Ob sich Japan dafür entschuldigen sollte? Sie ist unentschlossen - wie andere Japaner auch. Ein junger Mann sagt: "Es gibt natürlich viele Meinungen darüber, was Japan damals gemacht hat. Klar ist: Wenn Japan damals einen Fehler gemacht hat, muss es sich dafür entschuldigen. Auf jeden Fall finde ich es super, dass Abe jetzt dahin fährt."

Ein anderer Mann meint hingegen: "Ich finde es gut, dass er da hinfährt und seine Trauer für die Opfer zum Ausdruck bringt. Aber sich entschuldigen? Nein, denn was hat unsere Generation heute noch mit dem Angriff zu tun?"

"Japan war der Täter"

Der Historiker Daizabulo Yui beurteilt dies ganz anders: "Als ich erfahren habe, dass Premierminister Abe nach Pearl Harbor fährt, habe ich mich zwar gefreut, weil es im Zusammenhang mit Obamas Besuch in Hiroshima ein wichtiges Zeichen der Versöhnung ist. Aber eigentlich hätte es andersherum laufen müssen, denn Japan war der Täter. Abe hätte vor Obamas Besuch nach Pearl Harbor reisen sollen. Dann hätte er gezeigt, dass er aus der Vergangenheit gelernt hat."

Doch genau das sei eben nicht der Fall - im Gegenteil, meint der emeritierte Professor von der renommierten Universität Tokyo. So werde der Angriff auf Pearl Harbor immer noch als notwendige Reaktion auf das kurz zuvor verhängte US-Ölembargo gesehen.

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Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941

Angriff auf Pearl Harbor

Am 7. Dezember 1941 griffen japanische Truppen die US-Pazifikflotte in Pearl Harbor auf Hawaii an. Die Folge: Die USA traten in den Krieg ein, der damit zu einem Weltkrieg wurde. | Bildquelle: REUTERS

Kein Wort über Kriegsverbrechen

"In den japanischen Lehrbüchern für die Oberschule wird immer noch so getan, als ob Japan angreifen musste, weil es in die Enge getrieben wurde. Es wird überhaupt nicht thematisiert, dass es auch eine friedliche Lösung gegeben hätte", kritisiert Yui. "Über die Gräueltaten der japanischen Soldaten wird hingegen kein Wort verloren. Das liegt natürlich auch daran, dass die Soldaten davon nach ihrer Heimkehr nichts erzählt haben, weil sie fürchteten, sonst als Kriegsverbrecher ins Gefängnis zu kommen."

Der Historiker spielt damit auf zahlreiche Kriegsverbrechen der kaiserlichen Armee während der Besatzungszeit in China und Südkorea an. Auch dafür habe sich Japan bis heute nicht entschuldigt. Yui bedauert das zutiefst.

Wie geht es mit Trump weiter?

Der Besuch in Pearl Harbor ist aus seiner Sicht eine Geste. Zudem sei es der Versuch des japanischen Premierministers, etwas zu beschwören, was es so vielleicht mit dem neuen US-Präsidenten nicht mehr geben wird. "Unter Trumps Regierung wird sich Amerika wohl vor allem auf sich selbst konzentrieren. Jahrelange Beziehungen wie die zu Japan spielen dann keine Rolle mehr, auch nicht als Bündnispartner gegen Russland und gegen China." Insofern gehe es für Abe natürlich auch darum, nach außen zu signalisieren, wie stark und eng das japanisch-amerikanische Bündnis ist.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Dezember 2016 u.a. um 05:30 Uhr.

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