Säuglinge auf einer Geburtsstation (Archiv) | Bildquelle: dpa

Italien Geburtenrate auf historischem Tiefstand

Stand: 11.03.2017 05:09 Uhr

Immer weniger Italiener entscheiden sich dafür, Kinder zu bekommen - 2016 sank die Geburtenrate auf einen historischen Tiefstand. Der Grund ist für viele klar: Das Land benachteilige junge Familien und Mütter fühlen sich von Unternehmen schikaniert.

Von Lisa Weiß, ARD-Studio Rom

Martina aus Genua hat sich getraut: Sie und ihr Freund haben sich für ein Kind entschieden, die kleine Gemma ist vor kurzem auf die Welt gekommen. Aber auch sie versteht, warum im vergangenen Jahr in Italien nur 474.000 Babys zur Welt gekommen sind - weniger als je zuvor: Kita-Plätze fehlten in vielen Teilen Italiens oder seien teuer, sagt sie. Man werde plötzlich wieder von den Eltern abhängig: "Um die Geburtenrate zu steigern, wäre ernsthafte Strukturpolitik nötig. Und man müsste nach einer Methode suchen, der Abwesenheit des Sozialstaats entgegenzuwirken."

Abwesenheit des Sozialstaats

Was Abwesenheit des Sozialstaats konkret heißt, das hat Michela aus Rom in den letzten Jahren erfahren müssen. Sie ist die Mutter der kleinen Maia. Es sei in Italien für Mütter schwierig, Arbeit und Familie zu vereinbaren, sagt sie. Den Beruf aufzugeben sei aber auch nicht so einfach. "Die Mutter, die sozusagen vom Ehemann durchgefüttert wird, das können wir uns heutzutage auch nicht mehr erlauben, dafür sind die Gehälter zu niedrig. Aber du fühlst dich auch ein bisschen unnütz. Du sagst dir: 'Ich habe studiert, ich bin kompetent, ich will mich auch einbringen'."

Und sich einbringen - das müssen italienische Mütter ziemlich schnell nach der Geburt. Die staatliche Unterstützung ist nämlich verhältnismäßig gering: 800 Euro gibt es zur Geburt; zwei Monate davor und drei Monate danach eine Art Mutterschutz bei fast vollem Gehalt. Aber danach sehe es schlecht aus, sagt Michela. "Diese fünf Monate Mutterschutz halte ich für zu wenig. Man müsste zurückkehren, wenn das Kind nur drei Monate alt ist - man schafft es nicht mal abzustillen. Nach diesen fünf Monaten musst du Elternzeit nehmen.  In der Elternzeit bekommst du aber nur 30 Prozent deines Gehalts, also praktisch fast nichts."

Unternehmen wollen Schwangere loswerden

Wer keine Elternzeit nimmt, kann seit neuestem einen Zuschuss für die Kita oder für einen Babysitter beantragen - aber nur solange die staatlichen Mittel für das jeweilige Jahr reichen. Dazu kommt auch noch, dass viele Arbeitgeber die lästigen, weil unflexiblen Mitarbeiterinnen loswerden wollen, wichtige Treffen extra in die Abendstunden legen oder gleich schon bei der Einstellung eine Blanko-Kündigung unterschreiben lassen, damit sie die Mitarbeiterin loswerden können, falls sie schwanger wird - obwohl es auch in Italien eigentlich Kündigungsschutz für Schwangere gibt.

Auch das Stillen der Säuglinge in der Öffentlichkeit ist erst seit kurzem überall erlaubt. Insgesamt kommt Michela daher zum Schluss: "Das was ich sehe und immer wieder feststelle, ist dass das dein persönliches Problem ist. Es wird nicht als soziales Problem gesehen.  Und das bedeutet, dass du ganz allein damit fertig werden musst."

Ein langer Weg für Italien

Ähnlich sieht das auch Martina aus Genua. Dass sich die aktuelle italienische Geburtenziffer von 1,34 Kindern pro Frau in den nächsten Jahren erhöht, glaubt sie nicht. "Man müsste an andere Optionen denken, zum Beispiel daran, Adoptionen zu erleichtern. Man könnte auch homosexuellen Paaren die Möglichkeit geben, Kinder zu haben, wenn sie das wollen. Man müsste die soziale Inklusion von Migranten und ihren Kindern erleichtern, das wären enorme Ressourcen für den Staat." Doch auch dahin dürfte es noch ein langer Weg sein für Italien.

Italiens Geburtenrate ist auf historischem Tiefstand
L. Weiß, ARD Rom
10.03.2017 18:51 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Kultur am 10. März 2017 um 22:50 Uhr

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