Flüchtlinge in Rom | Bildquelle: Tilmann Kleinjung

Italien pocht auf Flüchtlingsquote Die überfüllte Durchgangsstation

Stand: 25.06.2015 11:17 Uhr

Italien gehört zu den Verfechtern einer verbindlichen EU-Flüchtlingsquote, das Mittelmeeerland ächzt unter dem hohen Zustrom an Flüchtlingen, allein in den vergangenen Tagen waren es 4000. Viele von ihnen wollen schnell weiter.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom

Neben dem römischen Bahnhof Tiburtina gibt es eine Bar, die von einem Eritreer betrieben wird und die vor allem von dessen Landsleuten besucht wird, die auf der Flucht sind. Die Frage ist müßig: Was war zuerst da? Die Bar oder die Flüchtlinge? Tatsache ist: Rund um den Bahnhof Tiburtina verbringen hunderte Eritreer ihre Tage und ihre Nächte. In einer Zeltstadt, die die Stadt errichtet hat, in einer barackenartigen Flüchtlingsunterkunft oder einfach vor der Bar.

"Hier sind einige Eritreer und ein paar aus dem Sudan und Äthiopien", berichtet ein junger Mann in einem bunten T-Shirt mit dem Logo einer Hilfsorganisation. Eine Kleiderspende für einen Menschen, der erst vor wenigen Tagen in Sizilien angekommen und sofort nach Rom Tiburtina weitergereist ist. Auf eigene Faust.

Schnell weg - nach Deutschland oder Frankreich

Flüchtlinge in Rom | Bildquelle: AFP
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Freiwillige des Roten Kreuzes helfen im Flüchtlingslager nahe des Bahnhofs Tiburtina.

"Wir wollen nicht in Italien bleiben", setzt er an und wird dann von einem Freund vom Mikrofon weggezogen. Keine Interviews. Die Angst identifiziert zu werden, ist groß. Wer einmal im Speicher der italienischen Polizei landet, muss in Italien bleiben. Das ist die Logik des Dublin-II-Abkommens, wonach Flüchtlinge einen Asylantrag in dem EU-Land stellen müssen, wo sie zuerst europäischen Boden betreten haben. Italien ist Erstaufnahmeland und damit also für die Flüchtlinge zuständig.

Die meisten wollen schnell wieder weg aus Italien - nach Deutschland oder Frankreich, an dessen Grenze zu Italien sich ganz ähnliche Szenen abspielen wie in Rom Tiburtina. Hunderte Flüchtlinge warten in Ventimiglia darauf nach Frankreich zu kommen. Auch hier gibt es ein ständiges Kommen und Gehen. Offenbar schaffen es immer wieder Flüchtlinge, Italien zu verlassen. Wenn nicht über Ventimiglia, dann vielleicht über den Brenner in Richtung Deutschland.

Renzi in Erklärungsnot

Ministerpräsident Matteo Renzi gerät vor dem EU Gipfel in Erklärungsnöte. Auf der einen Seite fordert sein Land eine gerechte Aufteilung der Bootsflüchtlinge innerhalb der EU. Auf der anderen Seite zeigt sich Italien bei der Aufnahme und Registrierung der Flüchtlinge immer wieder völlig überfordert.

Flüchtlinge in Rom | Bildquelle: Tilmann Kleinjung
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Flüchtlinge rund um den Bahnhof Rom Tiburtina

Italien sei kein Land, das nach außen weiter ein lächerliches und groteskes Schauspiel abgeben dürfe, stellt Renzi klar. "Wir sind ein großes Land und können es uns sogar erlauben, allein weiterzumachen. Aber Europa kann es sich nicht erlauben, uns allein zu lassen."

Das Gefühl, von Europa im Stich gelassen zu werden, gibt es auch am Bahnhof in Rom Tiburtina. Anwohner Michele erwartet endlich konkrete Zusagen von den Nachbarn in der EU. "Zuallererst müssen sie sich absprechen. Denn es gibt immer noch welche, die Mauern hochziehen, Stacheldraht spannen, die die Flüchtlinge nicht wollen."

Die Ungeduld der Italiener ist verständlich: Allein in den vergangenen Tagen kamen wieder mehr als 4000 Bootsflüchtlinge in Italien an.

Dieser Beitrag lief am 25. Juni 2015 um 05:11 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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