Eine Hand greift eine Kopie von Hitlers "Mein Kampf" aus dem Regal. | Bildquelle: dpa

Israel und die Neuauflage von "Mein Kampf" Keine Chance für weitere Lügen

Stand: 08.01.2016 05:55 Uhr

In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem liegt ein Original, in der Knesset ein englisches Exemplar und überhaupt: Auf Hebräisch konnte man Hitlers "Mein Kampf" schon lange kaufen. Aber wie reagiert Israel auf die kommentierte Neufassung?

Christian Wagner, ARD-Studio Tel-Aviv

Oded Heilbronner war Mitherausgeber einer gekürzten hebräischen Übersetzung von Hitlers "Mein Kampf". Der Historiker von der Hebräischen Universität in Jerusalem erklärt dem Land in diesen Tagen, welche Bedeutung das Buch in Nazi-Deutschland hatte.

"Das hat damals wohl jeder gelesen und auch daraus zitiert. Wer seine Taten rechtfertigen wollte, konnte pauschal auf den Führer verweisen. Auch in Schulen und Universitäten konnte man sich während der Nazi-Zeit auf das Buch stützen."

Neonazis gibt es überall

Die israelischen Tageszeitungen berichten seit Wochen über die kommentierte Neu-Ausgabe in Deutschland. Die Leser bekommen erklärt, dass der Freistaat Bayern mit dem Urheberrecht eine Veröffentlichung jetzt nicht mehr verhindern kann. Deshalb komme jetzt eine wissenschaftliche Ausgabe mit Kommentar und Anmerkungen heraus.

Diskussion über kommentierte Neuausgabe von Hitlers "Mein Kampf" in Israel
C. Wagner, ARD Tel Aviv
07.01.2016 20:24 Uhr

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"Das Buch ist ja längst weit verbreitet, auch auf Arabisch. Es gibt mindestens vier englische Ausgaben, die ersten schon in den 1930er-Jahren. Und seitdem nutzt jeder dieses Buch für seine Zwecke. Neonazis gibt es überall", sagt Heilbronner.

Netanyahus wilde Holocaust-Theorien

Dabei bricht die Diskussion über deutsche Verantwortung für den Holocaust auch in Israel immer wieder auf. Zuletzt, als Ministerpräsident Netanyahu im vergangenen Oktober erklärte, Hitler habe die Juden zunächst nicht vernichten wollen. Erst der damalige Großmufti von Jerusalem, Haj Amin al-Husseini, habe Hitler - 1941 in Berlin - dazu gedrängt: "Al-Husseini klagte damals, dass alle Juden jetzt nach Jerusalem kommen würden. Hitler fragte, was soll ich dann mit den ihnen tun? Und der Mufti sagte: 'Verbrenn sie'", so Netanyahu damals.

Die Muslime seien mitverantwortlich für die Judenvernichtung der Nationalsozialisten? Auf diese Behauptung des israelischen Regierungschefs antwortet der deutsch-israelische Publizist und Zeithistoriker Rafael Seligmann, wenn er sagt: "Ich möchte, dass diese Lügen auch aufhören: Hitler hätte es gar nicht so gemeint und hätte gar nicht davon gewusst. Nein, er hat diese Ideen des Hasses vertreten und abgearbeitet."

Hitlers Hetzschrift "entmystifizieren"

Kaum jemand werde die kommentierte Ausgabe mit ihren 2000 Seiten wirklich lesen, davon ist auch Seligmann überzeugt. Aber trotzdem könne Hitlers Machwerk "entmystifiziert" werden. Und man könne mit Hitlers "Mein Kampf" Deutschland unter Hitler besser verstehen: "Es wird ja heute so getan, als ob's niemand gelesen hätte. Es haben durchaus Menschen gelesen, die hatten ein ähnliches Bildungsniveau. Hitler hat das herausgebrüllt, was sehr viele Deutsche dachten."

Was die Deutschen dachten, das ist eine Frage, die die Menschen in Israel auch heute durchaus beschäftigt.

"Mein Kampf"

Nach seinem Umsturzversuch im November 1923 hat Adolf Hitler, in der Festung Landsberg inhaftiert, sein Buch "Mein Kampf" geschrieben. In der Hetzschrift sind die Grundlagen für seine spätere Eroberungspolitik angelegt. Der erste Band erschien im Juli 1925, bis Herbst 1944 erreichte "Mein Kampf" eine Auflage von 12,4 Millionen Exemplaren, dann gab es keine Neuauflage mehr. Die US-Militärregierung übertrug die Urheberrechte nach Kriegsende an den Freistaat Bayern, der seitdem eine Neuveröffentlichung verhindert hat. Die Urheberrechte liefen Ende 2015, 70 Jahre nach dem Tod des Diktators, aus.

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