Palästinenser mit Fahne in Jerusalem | Bildquelle: REUTERS

Terror in Israel Einsame Wölfe und der Krieg der Hashtags

Stand: 22.10.2015 04:53 Uhr

Die Serie von Anschlägen stellt Israels Polizei vor neue Herausforderungen. Einzelne Täter radikalisieren sich im Internet; wann wer zuschlägt, ist kaum vorherzusagen. Das Netz ist zu einem Schlachtfeld geworden, es tobt der Krieg der Hashtags.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Die Stimmung in der Altstadt von Jerusalem ist angespannt. "Wir können nicht vorhersagen, wann der nächste Attentäter zuschlägt", sagt Polizeisprecher Micky Rosenfeld. Man solle aber das arabische Viertel rund um das Damaskus-Tor meiden, rät er. Rosenfeld soll Recht behalten: Nur eine halbe Stunde später kommt es dort zu einem schweren Zwischenfall: Ein junger Palästinenser habe Polizisten mit einem Messer attackiert, der Angreifer sei "neutralisiert" worden, wie es in der Polizeisprache heißt.

Tausende Polizisten unterstützt von Soldaten sind in Jerusalem im Einsatz.
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Tausende Polizisten unterstützt von Soldaten sind in Jerusalem im Einsatz.

Polizeisprecher Micky Rosenfeld in der Altstadt von Jerusalem
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Polizeisprecher Micky Rosenfeld in der Altstadt von Jerusalem

Die Täter agieren spontan; ihre Waffen sind Messer und Autos, die sofort und praktisch überall zur Verfügung stehen. Für die Polizei steht daher neben der Präsenz in Jerusalem derzeit vor allem eine Aufgabe auf dem Programm: Soziale Netzwerke beobachten, um potentielle Attentäter rechtzeitig zu identifizieren. Die Bedeutung der Netzwerke bei der Radikalisierung sei überragend, betont ARD-Korrespondent Richard Schneider. Für Geheimdienste sei nicht vorherzusehen, wer wann zuschlagen könnte, meint auch Avital Leibovich, eine Social-Media-Expertin, die lange bei der israelischen Armee tätig war und heute für das "American Jewish Comittee" arbeitet. Die neuen Attentäter seien "einsame Wölfe", für die es keinen Prototyp gebe.

Entscheidend für den Schritt von der Empörung zum Handeln ist dabei ein Thema, das die Menschen emotional direkt berührt - und in den vergangenen Monaten hat sich der Streit um den Tempelberg bzw. die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem verschärft. Israelis werfen Palästinensern vor, Legenden zu verbreiten und so den Konflikt zu schüren; Palästinenser werfen Israelis vor, die Gefühle von Muslimen zu verletzen. Der palästinensische Politiker Ziad Abu Zayyad betont, viele Menschen seien beleidigt, wenn Juden Zugang zu der Moschee erhielten, sie fühlten sich von dem Konflikt persönlich und emotional betroffen - und genau das sind die Voraussetzungen, damit Themen auch in sozialen Medien erfolgreich sind. Der Hashtag #IntifadaAlAqsa läuft seit Anfang Oktober auf den Mobiltelefonen der palästinensischen Jugend heiß.

Mehrheit für Intifada

Auch wenn die Hamas bereits seit Tagen einen flächendeckenden Aufstand aller Palästinenser fordert: Von einer organisierten Intifada könne aber bislang nicht die Rede sein, meinen Experten übereinstimmend. Der palästinensische Analyst Khalil Shikaki, der seit Jahren die Stimmung in der Bevölkerung sowohl im Gazastreifen als auch im Westjordanland erforscht, warnt aber: Im September habe es erstmals seit zehn Jahren bei einer Umfrage eine Mehrheit für eine Intifada gegeben. 57 Prozent der Palästinenser unterstützen demnach einen bewaffneten Aufstand.

Meinungsforscher Khalil Shikaki
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Khalil Shikaki warnt: Es gibt eine große Unterstützung für einen bewaffneten Aufstand.

Die wachsende Zustimmung habe mit einer zunehmenden Hoffnungslosigkeit der Palästinenser zu tun, erklärt Shikaki. 80 Prozent der Palästinenser hätten das Gefühl, von der arabischen Welt verlassen worden zu sein. Daher müsse man das Schicksal wieder in die eigene Hand nehmen, so die vorherrschende Meinung.

Enttäuschte Jugend

Viele Palästinenser fühlen sich aber auch von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas im Stich gelassen. Die anhaltende Korruption habe seine Fatah in eine tiefe Krise gestürzt, sagt die israelische Knesset-Abgeordnete Ksenia Svetlova von der oppositionellen "Zionistischen Union". Das Rennen um die Nachfolge des alternden und gesundheitlich angeschlagenen Präsidenten sei längst eröffnet. "Die Kandidaten agieren dabei nach dem Motto: 'Wer ist der Radikalste?'", erklärt Svetlova. Doch wie die Abbas-Nachfolge angesichts der politischen Spaltung der Palästinenser rechtlich geklärt werden soll, ist ebenfalls noch vollkommen unklar. Neuwahlen sind ohnehin seit Jahren überfällig.

Die Hamas profitiere aber nur bedingt von der Schwäche des Präsidenten, erklärt Meinungsforscher Shikaki, denn die junge Generation habe nach der Machtübernahme der Islamisten im Gazastreifen gesehen, was ein Gottesstaat praktisch für sie bedeute. Die Hamas punkte eher mit ihrer Militanz und radikalen Feindschaft gegen Israel; außerdem gelte sie als weniger korrupt als die Fatah.

Pro-palästinensische und pro-israelische Motive an einem T-Shirt-Stand in der Altstadt von Jerusalem
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Pro-palästinensische und pro-israelische Motive an einem T-Shirt-Stand in der Altstadt von Jerusalem

Es gibt aber auch praktische Gründe für die wachsende Bereitschaft, auf Gewalt zu setzen: Frustration über die politische und wirtschaftliche Situation in den Palästinensergebieten. Der palästinensische Abu Zayyad verweist zudem auf die Wut vieler Palästinenser über Gewalttaten von Siedlern im Westjordanland, die von israelischen Sicherheitsbehörden kaum verfolgt würden.

"Extrem negative Rolle"

Solche Taten haben eine verheerende öffentliche Wirkung - gerade in Zeiten von sozialen Medien. Judenfeindliche Propaganda ist hier ohnehin oft zu finden. Die Knesset-Abgeordnete Svetlova sagt, auf islamistischen Seiten würden sogar Anleitungen verbreitet, wie man Juden mit einem Messer ermorde. Dies sei eine Lizenz zum Töten.

Auch der palästinensische Meinungsforscher Shikaki beklagt eine "extrem negative Rolle" der sozialen Medien. Sie beschleunigten Krisen, weil viele Nachrichten, die schnell verbreitet würden, entweder Propaganda oder schlicht falsch seien. Hintergründige und ausgewogene Berichterstattung werde hingegen kaum wahrgenommen.

Stattdessen werden Angriffe auf Israelis von Palästinensern im Netz gefeiert - israelische Behörden und Organisationen versuchen wiederum, die palästinensische Propaganda zu kontern.

Bei einer Pressekonferenz dokumentiert die israelische Regierung Propaganda aus sozialen Netzwerken. | Bildquelle: dpa
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Bei einer Pressekonferenz dokumentiert die israelische Regierung Propaganda aus sozialen Netzwerken.

Die linksliberale Zeitung "Haaretz" kommentiert, die sozialen Medien seien mittlerweile ein erbarmungslos umkämpftes Feld in dem Konflikt. Die "Jerusalem Post" schreibt von dem Krieg der Hashtags. Insbesondere seit dem arabischen Frühling habe Netz-Aktivismus in der Region eine herausragende Bedeutung.

Kritik von arabischen Israelis

Angesichts dieser explosiven Stimmung forderten prominente arabische Israelis, dass religiöse und palästinensische Führer mäßigend wirken müssten. Für Aufsehen sorgte insbesondere die Journalistin Lucy Aharish. Die bekannte Reporterin warf in einem Video arabischen und palästinensischen Kreisen vor, nichts zu tun, um die Situation zu beruhigen. Es gebe keine Rechtfertigung dafür, andere Menschen zu ermorden - erst recht keine religiösen. Die Jugend werde aber weiter angestachelt.

Der arabische Bürgermeister von Nazareth Ali Salam wird in israelischen Medien derzeit ebenfalls oft zitiert, da er arabischen Parlamentariern der Knesset vorwarf, den Konflikt zu schüren. Die "Haaretz" krisierte daraufhin wiederum, dass Aharish und Salam von der israelischen Öffentlichkeit als arabische "Joker" instrumentalisiert würden.

Journalisten unter Druck

Auch palästinensische Journalisten können sich dem Konflikt nicht entziehen: Ein bekannter Reporter sagte gegenüber tagesschau.de, wenn er die Angriffe auf Israelis als Terror bezeichne, bekäme er massive Probleme mit seinen palästinensischen Landsleuten. Wenn er von Helden spräche, hätte er große Problem mit Israel. Der Druck auf die Journalisten habe zudem durch die wachsende Bedeutung der sozialen Medien noch weiter zugenommen.

Angesichts dieser unübersichtlichen Situation meint ARD-Korrespondent Schneider, auch wenn es zynisch klinge: Für Israel wäre ein organisierter und bewaffneter Aufstand leichter zu kontrollieren, als es die derzeitigen Angriffe der im Netz radikalisierten Einzeltäter sind.

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