Ein Palästinenser treibt einen brennenden Reifen vor sich her | Bildquelle: AFP

Nach tödlichen Messerattacken in Jerusalem Jerusalemer Altstadt für Palästinenser gesperrt

Stand: 04.10.2015 20:29 Uhr

Israel hat die Jerusalemer Altstadt für viele Palästinenser gesperrt. Die Polizei reagierte damit auf Messerattacken, bei denen an diesem Wochenende zwei Israelis getötet wurden. Der Nahost-Konflikt verschärft sich zunehmend.

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Tel Aviv

Das Viertel Issawiya in Ost-Jerusalem ist einer der Schauplätze der Gewalt. Die israelische Armee hatte die Zufahrt zu dem palästinensischen Viertel abgeriegelt. Das Elternhaus eines mutmaßlichen Attentäters soll sich dort befinden. Die Folge sind Straßenschlachten von Jugendlichen mit Soldaten. Steine fliegen und Tränengas ist in der Luft.

Spätestens seit dem Attentat gestern Abend in Jerusalem ist die Lage in jeder Hinsicht eskaliert. Ein 19-jähriger Palästinenser hatte zwei Israelis, einen Rabbi und einen Familienvater, mit einem Messer angegriffen und getötet. Ein Polizist tötete den Attentäter.

Sperrung der Altstadt als drastische Maßnahme

Israels Polizei hat nun entschieden, die Altstadt in den kommenden zwei Tagen für Palästinenser unter 50 Jahren ganz zu sperren -bis zum Ende des Laubhüttenfestes, Sukkot, sagt Polizeisprecher Rosenfeld: "Die Altstadt steht nur ihren Bewohnern offen." Das sei eine drastische Maßnahme, die getroffen worden sei, um weitere Anschläge während der jüdischen Feiertage zu verhindern. Und so Rosenfeld weiter: "Sie können trotzdem tausende Menschen sehen, die die Altstadt besuchen. Einheiten der Polizei sind in verschiedenen Gebieten stationiert."

Lage in Nahost droht zu eskalieren
tagesschau 20:00 Uhr, 04.10.2015, Richard C. Schneider, ARD Tel Aviv

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Immer wieder ist der Satz zu hören, es gehe darum, die eigene Bevölkerung, das heißt die jüdische Bevölkerung zu schützen. Die Palästinenser empfinden das Vorgehen als Willkür der israelischen Behörden. Überall sind Zäune, Gitter und Soldaten. Die Palästinenserin Noor A-Din Mohammed Biaa darf zum Beispiel nicht passieren: "Weil es ihr jüdischer Feiertag ist, gehen sie zum beten. Ich aber will zu meinem Elternhaus und ich darf nicht rein. Ich lebe in Jerusalem und das steht in meinen Papieren", klagt die Anwohnerin.

Mehr als 100 Verletzte bei Zusammenstößen

Im Westjordanland gab es südlich von Bethlehem, in Hebron, in Jenin und nördlich von Ramallah Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und der israelischen Armee. Nach palästinensischen Angaben sind insgesamt über 100 Menschen durch Tränengas und Gummigeschosse verletzt worden. Die Rettungskräfte des Roten Halbmonds haben einen Notstand ausgerufen, heißt es.

Auf der Straße Nummer 60 sei das Auto des palästinensischen Gouverneurs von Jenin von Siedlern mit Steinen beworfen worden, meldet der israelische Journalist Elior Levy. Die Siedler hätten auch versucht die Tür zu öffnen, doch der Gouverneur konnte entkommen.

Siedler üben Druck auf Netanjahu aus

Wie lässt sich die Eskalation in den Griff bekommen? Mitglieder der israelischen Regierung verlangen nach einer Offensive der Armee. Ministerpräsident Netanjahu hat sie bereits zurückgepfiffen.

Doch der Druck ist groß. Vor Netanjahus Residenz in Jerusalem kampieren Vertreter der Siedlerbewegung. Sie protestieren dort bereits seit dem Mord an den Eltern von sechs Kindern am vergangenen Donnerstag. Auf ihren Plakaten steht: Krieg gegen den Terror heißt mehr Siedlungsbau. Yossi Dagan, Vertreter der Siedler, erklärt, was viele als Widerspruch empfinden: "Israel ist ein souveräner Staat. Er ist verpflichtet seine Bürger zu schützen und Israel aufzubauen. Wenn wir uns die gesamte Zeit Sorgen machen, was andere Menschen sagen, dann bauen wir gar nicht und Blut wird fließen. Das muss aufhören."

Gewalt und Verzweiflung in Jerusalem
T. Teichmann, ARD Tel Aviv
04.10.2015 17:55 Uhr

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