Peschmerga-Kämpfer | Bildquelle: dpa

Besuch bei Peschmerga im Nordirak "Wir töten täglich IS-Leute"

Stand: 04.10.2017 08:25 Uhr

Drei Kilometer sind es noch bis zur IS-Stellung: Kurdische Kämpfer halten die vordersten Posten nahe Hawidscha im Nordirak, das vom IS kontrolliert wird. Kurden und irakische Armee arbeiten hier trotz des Unabhängigkeitsreferendums zusammen.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo, zzt. im Nordirak

In der Ebene unten sind sanfte Hügel zu sehen, Gräser und Büsche von der Sommerhitze versengt. Irgendwo auf halber Strecke zum Horizont liegt ein kleines Dorf. Die Sonne, die gerade untergeht, taucht alles in gold-gelb. Die zehn, zwölf Männer, die oben Wache schieben, auf einem Höhenzug hinter Sandsäcken und gepanzerten Fahrzeugen verschanzt, tragen alle sandfarbene Uniformen - es sind Peschmerga, Soldaten der autonomen Region Irakisch-Kurdistan.

"Es ist der letzte Posten der Peschmerga", sagt ein kurdischer Kämpfer an einer der letzten Frontlinien mit dem "Islamischen Staat" (IS) im Irak: beim "Hawidscha-Nest", einem Gebiet unweit von Kirkuk - ziemlich genau in der Mitte zwischen Mossul und Bagdad. Im Sommer 2014 setzte sich der IS auch in der Region Hawidscha fest - in der gleichnamigen Stadt und den Dörfern drumherum. 50.000 Menschen leben allein in Hawidscha-Stadt, sagt ein Peschmerga.

Wo genau die IS-Leute sitzen? "Da, hinter dem Dorf", erklärt einer der Peschmerga, "gut drei Kilometer entfernt". In recht sicherer Distanz also. Das Problem seien aber Scharfschützen, die nachts heranrückten, im Schutz der Dunkelheit.

"Der IS ist nicht mehr so mächtig"

Ein paar Kilometer entfernt, in einer Garnison: Hier unterhält Kamal Kirkuki seinen Posten. Er ist ein enger Vertrauter des Präsidenten von Irakisch-Kurdistan, Massud Barsani. Und er ist Barsanis Beauftragter für die Hawidscha-Front. Kirkuki sagt über die Peschmerga: "Der IS ist nicht mehr so mächtig. Seit Mossul im Sommer vom IS befreit wurde, ist es mit der Organisation abwärts gegangen."

Das Hauptproblem in Hawidscha sei die überwiegend sunnitisch-arabische Bevölkerung. Die Region war bereits nach 2003 - nach dem Sturz Saddam Husseins - dafür bekannt, dass ihre Bevölkerung gegen die US-Besatzer war - und gegen die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad. Al Kaida hatte in Hawidscha recht viele Anhänger - und ab 2014 auch der IS. Es sei also schwer, im Kampf gegen den IS gut von böse zu unterscheiden: "Die Zivilisten sind vom gleichen Schlag wie der IS. Der IS ist nicht vom Himmel auf Hawidscha gefallen. Die IS-Leute kommen aus dem Gebiet."

"Wir töten täglich IS-Leute"

Trotzdem gehe es an dieser Front gegen den IS voran: "Wir töten täglich IS-Leute. Und wir haben viele von ihnen gefangen." Mehr als 2000 von ihnen habe man getötet, und sie mehr als 230 Kurden. "Für sie sieht es mittlerweile sehr, sehr schlecht aus. Sie können sich kaum noch verteidigen und kaum mehr kämpfen", meint Kirkuki.

Die verbliebenen IS-Leute setzten vor allem auf Scharfschützen, Minen und Granaten. Doch: Erst vor wenigen Tagen kamen wieder drei Peschmerga bei einem Sprengstoffanschlag am Rande des "Hawidscha-Nestes" um. Kurz darauf fiel auch ein US-Soldat, der die irakische Armee beriet.

Peschmerga-Kämpfer und Flüchtlinge aus dem vom IS kontrollieren Hawija | Bildquelle: REUTERS
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Peschmerga-Kämpfer und Flüchtlinge aus dem vom IS kontrollieren Hawidscha

Kurden halten ihre Front, Armee rückt gegen IS vor

Die Koordination mit den irakischen Streitkräften sei, so Kirkuki, logistischer Natur: Damit meinen die Peschmerga, dass sie eine Front gegen den IS halten. Aus den anderen Himmelsrichtungen rücken die Kräfte der Zentralregierung gegen die Terroristen vor, sodass die von einem Ring umgeben sind, der immer enger wird.

Wobei die Kurden die IS-Leute vor allem an der Flucht hindern. Angriffe von ihren Posten auf der Hügelkette starten die Kurden nicht. Unterhalb dieser Hügelkette lebten Araber - "und wir wollen keine Kämpfe zwischen Kurden und Arabern. Wenn wir Leute von ihnen töten, sagen die nur 'Kurden haben uns umgebracht'." Daher sei es besser, wenn die irakische Armee, die ja auch arabisch sei, gegen Araber kämpfe.

Monatelang hieß es, dass das Unabhängigkeitsreferendum, das schließlich Ende des vergangenen Monats in Irakisch-Kurdistan abgehalten wurde, den Kampf gegen den IS behindern würde. Die Führung von Irakisch-Kurdistan hielt dagegen: "Wir haben überall und jedem in der Welt gesagt, dass wir weiter gegen den IS kämpfen werden. Vor, während und nach dem Referendum - bis wir dem IS das Ende bereiten."

Kooperation trotz des Referendums

Jetzt, nach dem Referendum, mögen die Zentralregierung in Bagdad und die Führung von Irakisch-Kurdistan politisch über Kreuz sein. Aber: An der so genannten Strategie der "logistischen Koordination" halten Peschmerga und irakische Armee fest.

Der Kampf gegen den IS in der Region Hawidscha, so Kirkuki und viele andere Peschmerga, werde bald vorbei sein. Danach werde der IS im Irak nur noch ein größeres zusammenhängendes Gebiet im Irak kontrollieren: Teile der Provinz Anbar. Überwiegend Wüste.

Mit den Peschmerga an den letzten Frontlinien
Björn Blaschke, ARD Kairo
04.10.2017 06:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Oktober 2017 um 05:41 Uhr.

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