Das Bataclan in Paris | Bildquelle: dpa

Recherchen von NDR, WDR und SZ Paris-Attentäter in IS-Akten dokumentiert

Stand: 11.03.2016 17:03 Uhr

In den IS-Akten, die diese Woche aufgetaucht sind, befinden sich auch die Namen mehrerer Attentäter der Pariser Anschläge. Nach Recherchen von NDR, WDR und SZ belegen die Dokumente die Einreise von drei der Terroristen in das IS-Gebiet.

Von Georg Heil, Andreas Spinrath und Volkmar Kabisch

Sie waren in Frankreich aufgewachsen, hatten als Busfahrer oder im Fitnessstudio gearbeitet und stehen 2013 an der Grenze zu einem Gebiet, in dem der "Islamische Staat" herrscht. 14 Männer mit ihren Familien registriert die "General-Grenz-Verwaltung" der Terrormiliz an diesem 18. Dezember 2013 im nordwestsyrischen Atmeh. Aus Fouad, Murad und Yassine werden Abu Said, Abu Mukhtar und Abu Walid. Zwei Jahre später feuert einer von ihnen auf Konzertbesucher im Pariser Bataclan-Theater.

Dies ist nur eine der Spuren der Paris-Attentäter vom November 2013, die sich auf den Tausenden Seiten der in dieser Woche aufgetauchten Akten des "Islamischen Staates" findet und die NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" vorliegen. Die Auswertung der oftmals in fehlerhaftem Arabisch ausgefüllten Bögen dauert noch an - aber nach bisherigen Recherchen enthalten sie einen Vermerk über die Einreise von drei der Terroristen ins IS-Gebiet, die am Massaker in Paris beteiligt waren: Samy Amimour, Ismael Omar Mostefai und Fouad Mohamed Aggad.

Samy Amimour | Bildquelle: AFP
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Samy Amimour - sein Name findet sich in den Akten wieder.

Daten stammen überwiegend aus 2013 und 2014

Die rund 22.000 vorliegenden Dokumente stammen überwiegend aus den Jahren 2013 und 2014. Da es zahlreiche Dopplungen in dem Material gibt, ist allerdings die Anzahl der tatsächlich vom IS registrierten Personen erheblich niedriger. Es geht wohl um wenige Tausend Einreisende, darunter mehr als 100 Deutsche.

Akribisch befragten die Grenzer des IS Neuankömmlinge: Name? Geburtsdatum? Blutgruppe? Bürge? Berufswunsch? Alles wurde notiert, Lebensläufe typischer Europäer, geordnet in 23 Spalten: belgische Studenten sind darunter, französische Kindergärtner, britische Juristen. Europäer, die sich dem Terror anschließen.

Können diese Details Hinweise auf weitere Hintermänner der Paris-Attentate geben? Gut möglich. So findet sich in dem Datenschatz beispielsweise Abdelhamid Abaaoud, der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge. Er soll als Bürge für einen jungen Belgier fungiert haben, der wohl enge Verbindungen auch zu dem flüchtigen Attentäter Salah Abdeslam gehabt hatte.

Außerdem schlummert in den Dokumenten, die dem IS abhanden gekommen sind, auch der Einreisebogen von "Suleyman al-Faransi", alias Charaffe el-Mouadan. Mehrere Zeugen des Massakers im Konzertsaal Bataclan berichteten, dass die Attentäter diesen während der Tat erwähnten, sogar kontaktieren wollten. Unter französischen Ermittlern gilt er neben Abaaoud auch deshalb als Hintermann der Anschläge.

IS-Dokumente liefern neue Erkenntnisse über Paris-Attentäter
tagesthemen 21:45 Uhr, 11.03.2016, G. Engel, WDR/G. Heil, WDR/V. Kabisch, NDR

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Mögliche Querverbindungen in andere europäische Städte

In den Dokumenten könnten zudem noch deutlich mehr Querverbindungen stecken, die direkt aus dem IS in europäische Städte führen.

Das Bundeskriminalamt, dem solche Unterlagen nach eigenen Angaben ebenfalls vorliegen, erklärte in einer Stellungnahme, dass es sich mit "hoher Wahrscheinlichkeit um authentische Papiere handele". Zuvor hatten Sicherheitsbehörden die Angaben der deutschen Eingereisten mit den ihnen vorliegenden Informationen abgeglichen.

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière äußerte sich am Dienstag und erklärte, "dass es also zu schnelleren, klareren Ermittlungen und strengeren Gefängnisstrafen kommt". Die Akten böten eine große Chance: "Wir verstehen dadurch auch besser die Strukturen dieser Terrororganisation."

Trotz dieser Einschätzungen war unter Experten eine Debatte über die Echtheit der Papiere entbrannt. Während beispielweise Peter Neumann vom King's College in London und Will McCants vom Brookings Institute an einen authentischen Fund glauben, formulierten Forscher wie Charlie Winter von der US-amerikanischen Georgia State University und Dalia Ghanem-Yazbeck vom Carnegie Middle East Centre im Libanon Zweifel.

Alle bisherigen Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" bestätigen aber die Authentizität dieser Unterlagen, die auf Tausenden Seiten einen Einblick darin geben, wie der "Islamische Staat" Europäer für seinen Kampf registrierte.

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