IS Kinder

Kinder von IS-Anhängern Aus dem irakischen Gefängnis zum deutschen Opa

Stand: 01.02.2018 17:59 Uhr

Alles was er bislang kennt, sind Krieg und Angst. Seine deutschen Eltern sitzen als IS-Anhänger in irakischer Haft. Nun darf der kleine Junge zum Großvater nach Deutschland. NDR-Reporter haben ihn begleitet.

Von Volkmar Kabisch, Georg Mascolo und Amir Musawy, NDR

Am Ende der gläsernen Gangway am Flughafen Bagdad steht das Flugzeug für den Rückweg nach Deutschland. Nur noch ein kurzer Moment des Wartens, dann können der Mann und sein Enkel endlich einsteigen. Der Kleine zeigt mit dem Finger auf das Cockpit, das in der irakischen Sonne glänzt. Energisch klopft er schließlich gegen die Scheibe. Was wohl in ihm vorgehen mag? Flugzeuge waren für ihn bisher keine Rettung. Sie standen für Angst und Schrecken.

Fürsorge und Terrorabwehr: Warum Kinder von deutschen IS-Kämpferinnen aus dem Irak geholt werden
tagesthemen 22:15 Uhr, 01.02.2018, Volkmar Kabisch/Georg Mascolo/Amir Musawy, NDR

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Die ganze Familie in Untersuchungshaft

Der Junge ist 14 Monate alt, geboren in Tall Afar im Norden des Irak. Alles was er bisher in seinem Leben kannte, waren Krieg und Gefängnis. Seine aus Hessen stammenden Eltern hatten sich 2015 auf den Weg gemacht, von Deutschland über Syrien in den Irak, um sich dem "Islamischen Staat" (IS) anzuschließen. So lautet jedenfalls der Vorwurf. Deshalb sitzen sie nun in irakisch-kurdischer Haft und müssen sich irgendwann vor einem lokalen Gericht verantworten.

Die Mutter des kleinen Jungen, die 30-jährige Sibel H.,  reiste wohl sogar zwei Mal freiwillig zum IS und gilt als überzeugte Islamistin. Der Vater des Jungen heißt Deniz B. Beide hatten sich im vergangenen Jahr den Peschmerga im Nordirak ergeben, als die Terrormiliz in diesem Gebiet bereits so gut wie geschlagen war. Seither saßen sie mit dem Kind in Untersuchungshaft.

Gefängnis im Irak (Archivbild) | Bildquelle: dpa
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Im Irak sind viele Gefängnisse mit IS-Anhängern überfüllt. Sie werden oft monatelang auf engstem Raum gefangen gehalten, bis ihnen der Prozess gemacht wird.

"Die Kinder können ja nichts dafür"

Nun ist der Großvater des Kindes in den Irak gereist, um den kleinen Enkel nach Deutschland zu bringen. Reporter von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" haben ihn begleitet. Eine Reise zu einem Kind, das er nie zuvor gesehen hat. "Was die Eltern gemacht haben, da können die Kinder ja nichts dafür", sagt er. "Die sind eventuell Jahre im Gefängnis. Das muss einfach nicht sein." Er bittet darum, seinen Namen und seinen Wohnort nicht zu nennen.

Monatelang hatte er sich darum bemüht, den Enkel aus dem Gefängnis holen und in Sicherheit bringen zu dürfen. DNA-Tests wurden angefordert, um die Verwandtschaft mit dem Einjährigen amtlich feststellen zu lassen.

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Monatelang hatte es gedauert, bis der Großvater seinen Enkel aus Bagdad abholen durfte.

Der Junge ist das erste deutsche Kind, das mit der Mutter in irakischer Haft einsaß und nun in ein Flugzeug nach Deutschland steigen darf. Die Entscheidung, sich dafür einzusetzen, Kinder mutmaßlicher IS-Anhänger nach Deutschland zu holen, begründet die Bundesregierung mit der Schutzpflicht für die eigenen Staatsbürger. Zudem seien die Kinder nicht für die Taten ihrer Eltern verantwortlich. Auch die irakische Regierung hatte zu verstehen gegeben, dass man es begrüße, wenn besonders die kleinen Kinder zu Verwandten nach Deutschland ausgeflogen würden.

Maaßen warnt vor Folgen der "Gehirnwäsche"

Doch es gibt auch kritische Stimmen. So warnte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen zuletzt immer wieder eindringlich vor rückkehrenden Kindern. "Eine Gefahr ist, dass diese Kinder gehirngewaschen zurückkommen, dass diese Kinder auch den Auftrag haben, Anschläge zu begehen", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters.

Tatsächlich hatte der IS wie kaum eine Terrororganisation zuvor die militärische und islamistische Indoktrinierung von Kindern sehr forciert. Im Mathematik-Unterricht des Kalifats mussten Kalaschnikow addiert werden, und für Propaganda-Videos ließ man schon Achtjährige vermeintliche Gegner ermorden.

Dennoch ist die Sichtweise des Verfassungsschutzchefs in deutschen Sicherheitsbehörden und unter Experten umstritten. Schließlich sei ein Großteil dieser Kinder noch sehr klein. Claudia Dantschke, die für die Organisation "Hayat" Familien berät, deren Kinder sich der Terrormiliz angeschlossen haben, sagte gegenüber NDR, WDR und "SZ": "Die Eltern sind bei uns radikalisiert worden. Also haben wir auch eine Verantwortung, uns um deren Kinder zu kümmern." Zudem seien die Kinder in erster Linie keine Täter, sondern Opfer.

Traumata durch Kriegserlebnisse

Dantschke glaubt, in nächster Zeit würden noch weitere Kinder folgen, die zu Familienangehörigen nach Deutschland ausgeflogen werden. Allein die Beratungsstelle "Hayat" sei im Moment in Kontakt mit 30 Erwachsenen und 25 Kindern in Syrien und dem Irak. "Die Dimension ist wesentlich größer, als wir sie jemals kannten", sagt die Islamismus-Expertin. Deutschland sei darüber hinaus "auf so viele Traumata und Kriegserlebnisse mit ideologisierten Einstellungen nicht vorbereitet."

Wie diese Realität aussieht, konnten Reporter von NDR, WDR und "SZ" in der vergangenen Woche in Bagdad beobachten. Nach langwierigen Verhandlungen hatte die irakische Regierung einem Gespräch mit drei der deutschen Frauen, jede mit drei Kindern, zugestimmt. Das Treffen findet im zentralen Gerichtsgebäude in Bagdad statt. Auf den Gängen warten gefesselte IS-Gefangene auf ihre richterliche Vernehmung, schwer bewaffnetes Wachpersonal steht rauchend daneben. Im selben Gebäudekomplex war vor wenigen Tagen auch das Todesurteil gegen die Deutsche Lamia K. verhängt worden.

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Die meisten der im Irak inhaftierten Deutschen wollen sich zum Thema IS nicht äußern.

Niemand sei gezwungen, mit den Reportern zu sprechen, erklärt ein Untersuchungsrichter zu Beginn. Zwei Frauen ziehen es vor, zu schweigen. Ilknur K. aus Rüsselsheim stimmt einem Interview zu. Über die terroristische Organisation, der sie sich freiwillig anschloss, will aber auch sie nicht wirklich reden. Auf die Frage der Reporter, ob sie den IS inzwischen kritisch sehe, antwortet sie nur knapp: "Dazu möchte ich nichts sagen."

Gefängnisse sind voll mit IS-Anhängern

Viel lieber will sie über ihre drei Kinder sprechen. Ihr strohblonder Sohn liegt, verborgen unter Tüchern, zur Beruhigung an ihrer Brust. Der Kleine ist gerade einmal zwei Jahre alt. Gern würde sie ihn, sagt sie, mit seinen beiden Geschwistern nach Deutschland zu ihren Eltern schicken. Allerdings sei ihr das noch von niemandem angeboten worden. Die Zustände in der Haftanstalt für Frauen beschreibt die 30-Jährige als "miserabel". 106 Frauen und Kinder lebten in einer Zelle mit einer Toilette für alle. Geschlafen werde auf dünnen Matratzen auf dem Boden. Ihre Kinder husteten ständig und hätten immer wieder hohes Fieber. Die ärztliche Versorgung sei lückenhaft. Die Kinder "spielen mit Flaschendeckeln, weil sie keine anderen Sachen zum Spielen haben", sagt sie. Wie glaubwürdig die Beschreibungen sind, können wir nicht überprüfen. Die irakischen Behörden dagegen erklären, der Standard sei gut.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass sich an den Haftbedingungen bald etwas ändert. Die Gefängnisse sind voll mit mutmaßlichen IS-Unterstützern und deren Familien. Allein im Irak sind es nach Recherchen von NDR, WDR und "SZ" inzwischen neun deutsche Frauen mit insgesamt noch 14 Kindern.

Angst vor dem Spiegelbild

Auf dem Flug nach Deutschland erzählt der Großvater vom Vorabend, dem ersten gemeinsamen mit seinem Enkel, den er nie zuvor gesehen hatte. Der Kleine hatte im Hotel zum ersten Mal einen Spiegel und das eigene Spiegelbild gesehen und sich so erschrocken, dass er weinen musste. "Der gehört nicht ins Gefängnis, sondern in ein normales Leben in Deutschland", sagt der Großvater. Nun müsse der Junge sich nur rasch an den Großvater gewöhnen, dann werde er das bestimmt hinkriegen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. Februar 2018 um 18:15 Uhr.

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