Gerry Adams von Sinn Fein im Wahlkampf | Bildquelle: AFP

Parlamentswahl in Irland Sinn Fein setzt auf linke Protestwähler

Stand: 26.02.2016 03:40 Uhr

Fünf Jahre nach der Euro-Rettung wächst Irlands Wirtschaft zwar, aber das kommt längst noch nicht bei allen Bürgern an. Bei den Wahlen kann die bisherige Koalition daher wohl nicht mit einer Mehrheit rechnen. Aufwind verspürt Sinn Fein, die sich als linke Protestpartei präsentiert.

Von Stehphanie Pieper, ARD-Studio London, zurzeit in Dublin

Als Gerry Adams am letzten Tag des Wahlkampfes die O'Connell Street in Dublin entlanggeht, empfängt ihn eine Schulklasse vor dem General Post Office mit lauten "Gerry"-Rufen. Es ist wohl kalkuliert, dass der Chef von Sinn Fein ausgerechnet hier, am Ort des Osteraufstands von 1916, die Iren zu einem neuen Aufstand aufruft - diesmal nicht gegen die Briten, sondern gegen die herrschende politische Klasse.

Adams will das Image loswerden, Verbündeter der einstigen Terrorgruppe IRA zu sein, und stattdessen gerade junge Wähler ansprechen. Sinn Fein nimmt sich ein Vorbild an Syriza in Griechenland - mit Erfolg. Die Iren hätten jetzt die Wahl, wirbt Adams, zwischen Steuererleichterungen für Wohlhabende oder Fairness für alle anderen. Stimmen die Umfragen, dürfte die Partei zulegen im Vergleich zur Wahl 2011 und auf Platz drei landen.

Wahlen in Irland | Bildquelle: AFP
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Eigentlich wird in Irland erst am Freitag gewählt. Die vier Wahlberechtigten auf der abgelegenen Atlantikinsel Inishfree geben ihre Stimme einen Tag früher ab. Die Wahlurne wurde mit einem Boot gebracht.

Harter Sparkurs hinterlässt Spuren

Zwar hat Irland Euro-Krise und Rezession überwunden und wächst so stark wie keine andere Wirtschaft der EU, fast sieben Prozent waren es im vergangenen Jahr. Aber der harte Sparkurs hat seine Spuren hinterlassen - auch bei Bauarbeiter Joe, der die Erholung noch nicht in seinem Portemonnaie spürt. Es gebe zwar wieder Jobs, sagt Joe, aber die seien schlechter bezahlt als früher. Er will für einen der vielen parteiunabhängigen Kandidaten stimmen.

Die bisherige Regierung aus der konservativen Fine Gael und ihrem Juniorpartner Labour zog sich den Zorn vieler Iren zu, weil sie weder die in der Krise eingeführte Wassergebühr noch die Immobiliensteuer wieder abgeschafft hat. In Krankenhäuser, Schulen und den sozialen Wohnungsbau fließe zu wenig Geld, klagt die Opposition.

Premierminister Enda Kenny hingegen appellierte in letzter Minute an die Wähler, sich für eine stabile Regierung zu entscheiden. Er warnte davor, die wirtschaftliche Erholung durch einen Linksruck zu gefährden. Den jüngsten irischen Boom schreiben die Wähler vor allem seiner Partei Fine Gael zu, die in Umfragen vorn liegt; Labour dagegen werden die Wähler voraussichtlich abstrafen.

Irlands Premier Enda Kenny | Bildquelle: AFP
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Premier Enda Kenny (Mitte) warnt vor einem Linksruck.

Diana, die an ihrem Markstand Obst verkauft, will aber erst im Wahllokal entscheiden, wem sie ihre Stimme gibt; sie misstraut den großen Parteien, die es von den Armen nähmen und den Reichen gäben.

Womöglich reicht es rechnerisch am Ende nur für die irische Variante einer großen Koalition: für ein Bündnis der beiden Mitte-Rechts-Parteien Fine Gael und Fianna Fail. Die haben sich einst im irischen Bürgerkrieg zerstritten und noch nie miteinander regiert. Diesmal aber hält "Irish Times"-Kolumnistin Una Mullaly ein Zusammengehen für denkbar. Die Botschaft wäre: Eine Regierung der nationalen Einheit in weiter unsicheren Zeiten für Irland. Die Alternative wären Neuwahlen.

Irland wählt ein neues Parlament
S. Pieper, ARD London
26.02.2016 06:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Februar 2016 um 12:00 Uhr.

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