Bewohner eines vom IS befreiten irakischen Dorfes | Bildquelle: AFP

Reportage aus dem Irak Rückkehr in ein zerstörtes Dorf

Stand: 24.10.2016 10:48 Uhr

Der IS wird im Irak immer weiter zurückgedrängt, viele Dörfer vom IS befreit. Die Menschen können endlich in ihre Häuser zurückkehren - falls diese überhaupt noch stehen.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo, zzt. bei Mossul

Der klapprige Kleintransporter biegt in eine Schotterpiste ein. An ihrem Ende liegt Sha’qul, in der Ebene vor Mossul. Kurdische Kämpfer, die sogenannten Peschmerga und die irakische Armee haben das Dorf gerade vom IS befreit. Danach durchsuchten Räumkommandos eilig die Häuser nach Sprengfallen. Die Sicherheitskräfte wissen um die Nöte der Bewohner. Die meisten flohen vor zwei Jahren, als der IS vorstürmte und die Gegend besetzte. Jetzt wollen die Menschen wissen, was aus ihrem Hab und Gut wurde, das sie 2014 zurücklassen mussten.

Wie auch Fadhel Muhendes, der mit seinem Kleintransporter durch Sha’qul fährt. "Wir müssen da vorne lang", sagt Fadhel. "Hier gibt es keinen Weg!" Die Straße ist mit Erdwällen blockiert - eine Deckung bei Gefechten und Schutz vor heranrasenden Autos, die mit Sprengstoff beladen sind. Fassungslos betrachtet Fadhel die Häuser, an denen er vorbeifährt. Manche sind dem Erdboden gleich, buchstäblich platt. Raketenangriffe der Kampfjets, die die internationale Anti-IS-Koalition zur Unterstützung der irakischen Bodeneinheiten schickt, haben die Gebäude zerstört, wenn sie IS-Stellungen ausmachten.

Verwüstung in einem vom IS befreiten irakischen Dorf | Bildquelle: dpa
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Viele Dörfer wurden zerstört oder verwüstet, die Häuser geplündert - wie hier in Bartila, 27 Kilometer östlich von Mossul.

Häuser zerstört oder geplündert

Zerstört ist auch der Kurzwarenladen, in dem vor allem Plastik angeboten wurde - Schüsseln, Teller, Decken. Alles liegt verstreut auf der Straße. Andere Häuser stehen noch, bei einem wurde nur ein Vorbau getroffen. Das Auto, das darin untergebracht war, wirkt wie ein großer Metallklumpen. An einigen Stellen lodern Feuer. Müll wird verbrannt, aber auch zertrümmerte Möbel. Auf was muss sich Fadhel gefasst machen, wenn er nach Hause kommt? "Wenn es geht, ziehen wir wieder zurück", sagt der Mann, der eine sechsköpfige Familie hat. "Die Arbeit, der Garten, die Nachbarn - alles ist hier!"

Moharram Anta ist bereits in seinem Haus. Er hat Tränen in den Augen, wenn er durch die Zimmer geht. Moharram hat sie verwüstet vorgefunden. "Guck Dir die Zerstörung an", sagt er. Moharram schimpft auf die IS-Terroristen, die den größten Teil der Einrichtung geplündert oder sinnlos zerhackt haben. Die Fußböden sind übersät von den Resten. Hier ein Stuhlbein und eine Schublade, da ein Küchenmesser und zerschlagene Teller. Wieder einziehen in sein Zuhause will Sha’qul erst, wenn der IS nicht mehr zurückkehren kann nach Sha’qul, wenn die Gefahr ganz gebannt ist. Wenn auch Mossul vom IS befreit ist - irgendwann.

Fortschaffen, was heil geblieben ist

Jetzt belädt Moharram erst einmal einen Kleintransporter. Was übrig und vor allem heil geblieben ist, will er fortschaffen. Eine Klimaanlage, eine Truhe, Kleidung, ein paar Matratzen. Er will die Sachen nach Erbil bringen, nach Irakisch-Kurdistan, wo er mit seiner Frau und den drei Kindern bei Verwandten untergekommen ist. Im Haus sucht er nach weiteren noch brauchbaren Dingen. Und seine Nachbarn? Die machen es genauso.

Nur nicht der von gegenüber, der ist ganz weg. Vielleicht ist er tot, weil er beim IS war. Seine Söhne haben Selbstmordattentate verübt, sagt Moharram. Was die Nachbarn zum IS gebracht hat? Moharram sagt, dass sie einst unter Saddam Hussein Offiziere beim irakischen Militär waren. Dann, nach dem Sturz des Diktators, als die USA Husseins Armee auflösten, wurden sie arbeitslos. Und als vor zwei Jahren der IS kam, hat ihnen irgendjemand erzählt, sie müssten beim IS mitmachen.

Denunziation, Verrat, Vergeltung

Und Fadhel Muhendes? Der Mann mit dem klapprigen Kleintransporter, der sehen will, was aus seinem Hab und Gut geworden ist? Als er an seinem Haus ankommt, wird er von Sicherheitskräften empfangen. Sie eröffnen ihm, dass er nicht hinein dürfe, sein Besitz sei beschlagnahmt. Ihr Argument: Sein Bruder sei beim IS gewesen. Sippenhaft? Rache? Nach Kriegen beginnt häufig eine Phase der Heimkehr und der Suche nach Verlorenem, aber diese Phase ist meistens auch geprägt von Denunziation, Verrat und Vergeltung. Im Irak hat sie offenbar schon begonnen, obwohl der Kampf gegen den IS und seine Terroristen noch lange nicht vorbei ist.

Rückkehr in ein zerstörtes Dorf bei Mossul
B. Blaschke, ARD Kairo
24.10.2016 09:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Oktober 2016 um 06:26 Uhr.

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