Zerstörte Gebäude in Mossul | Bildquelle: REUTERS

Als Deutsche beim IS "Ich will nur noch weg"

Stand: 23.07.2017 17:00 Uhr

Sie ist verletzt und erschöpft, aber sie ist in Sicherheit: Linda W., 16-jährige IS-Anhängerin aus Sachsen, wartet in irakischer Haft auf ihre Vernehmung. Im Exklusiv-Interview mit NDR, WDR und SZ berichtet sie über ihre Zeit beim "Islamischen Staat".

Von Volkmar Kabisch, Georg Mascolo und Amir Musawy, NDR

"Ich will nur noch weg", sagt Linda W. "Ich will weg aus dem Krieg, weg von den vielen Waffen, dem Lärm." Erschöpft sitzt Linda W. auf einem Metallstuhl in einer Krankenstation eines unübersichtlichen Militärkomplexes in Bagdad. Meterhohe Mauern umgeben das Areal. Wo es genau liegt, dürfen wir nicht verraten, das hat die Führung des irakischen Militärs so angeordnet. Ein Reporter, der im Auftrag von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" recherchiert, darf unter den strengen Augen des irakischen Militärs mit Linda W. sprechen. 

Der zuständige irakische Richter hatte dem Treffen zugestimmt, weil der Reporter auch für das irakische Fernsehen arbeitet. Den Ausschlag aber gibt, dass die Journalisten seit einiger Zeit mit der Familie von Linda W. in Verbindung stehen - so wie mit vielen anderen Familien, die ihre Töchter und Söhne suchen.

Anti-Terror-Einheiten patrouillieren in Mossul | Bildquelle: REUTERS
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Anti-Terror-Einheiten patrouillieren in Mossul. Linda W. war in der Stadt aufgegriffen worden.

Verletzt durch Schüsse und Raketenangriff

Eine Soldatin wacht über Linda W., drei amerikanische Sanitäter sind bei ihr und der ermittelnde Staatsanwalt. Linda W. trägt ein beiges Kopftuch mit weißen Streifen und einen bunten Umhang. Die Füße stecken in schmucklosen Plastiklatschen. "Es geht mir gut", sagt sie, auch wenn sie am linken Oberschenkel eine Schusswunde hat. Das rechte Knie muss ebenfalls versorgt werden. Vermutlich traf sie hier der Splitter einer Rakete. "Das kommt von einem Hubschrauberangriff", erzählt die 16-Jährige.

Es war die sogenannte Goldene Brigade, eine von den Amerikanern ausgebildete Spezialeinheit der irakischen Armee, die Linda W. in den Trümmern von Mossul fand und verhaftete. Kurz darauf erschienen die ersten Meldungen und Fotos beim Kurznachrichtendienst Twitter. Linda W., umringt von Soldaten, die sich mit der Trophäe einer deutschen IS-Anhängerin brüsten. Ihre Haare und die Kleidung sind staubig. Ihr Blick ist leer. Sie wirkt erschöpft.

"Ich bin keine Jesidin, ich bin Deutsche"

Man habe sie bei der Festnahme zunächst für eine Jesidin gehalten, erzählt sie. Viele IS-Kämpfer hielten sich Frauen dieser kurdischen Minderheit als Sklavinnen. Sie war genervt. "Ich bin keine Jesidin, ich bin Deutsche!" sagte sie den Soldaten.

Dass die junge Frau die deutsche Staatsangehörige Linda W. aus Sachsen ist, wissen mittlerweile auch die deutschen Behörden. Sie konnten die 16-Jährige ebenfalls treffen. Nun wird sie konsularisch betreut.

16-Jährige aus Sachsen im Irak identifiziert
tagesthemen 23:30 Uhr, 23.07.2017, Christine Adelhardt/Volkmar Kabisch, NDR

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Weitere Deutsche in Bagdader Militärkomplex

Neben Linda W. sitzt eine weitere Deutsche auf der Krankenstation in der Militäreinrichtung in Bagdad. Am Arm von Fatima M. klafft eine tiefe Wunde. Die amerikanischen Ärzte meinen, wahrscheinlich könne man den Arm retten.

Fatima M. war mit 15 Jahren aus Tschetschenien zunächst nach Österreich geflohen und hatte dann einen deutschen Staatsangehörigen geheiratet. Mit ihm und den beiden gemeinsamen Kindern hatte sie sich ebenfalls dem "Islamischen Staat" angeschlossen und war nach Mossul gegangen. Der Mann, Mogamed A., starb schon vor einigen Monaten als Kämpfer des selbsternannten Kalifats. Nun wurde auch Fatima M. von den irakischen Truppen in der Altstadt von Mossul, nahe des Tigris, verhaftet. Seit einem Luftangriff der internationalen Koalition gelten ihre beiden Kinder als vermisst.

Noch keine Vernehmungen

Eigentlich sollten die Frauen in ein Krankenhaus in Bagdad gebracht werden, aber dann hieß es, dort könne man nicht für ihre Sicherheit garantieren. In dem Krankenhaus werden viele Opfer des IS behandelt. 

In der Militär-Krankenstation werden die beiden deutschen Frauen zusammen mit weiteren in Mossul verhafteten Ausländerinnen aus Frankreich, Tschetschenien und Marokko in einem umgebauten Büro festgehalten. Bislang wurden sie noch nicht vernommen, weil zunächst die Behandlung der Verletzungen von einem Richter angeordnet wurde. Auch Kinder gibt es hier. Die Versorgung, so sagen zumindest die irakischen Soldaten, sei überdurchschnittlich gut. Ein Soldat sagt auf dem Flur: "Erst töten sie uns - und jetzt kaufen wir ihren Kindern Pampers und Babymilch." In Mossul gab es zuletzt viele weibliche Selbstmordattentäterinnen. 

"Ich will nach Hause"

"Ich will nach Hause zu meiner Familie", sagt Linda. Zu Hause, das ist die friedliche ostdeutsche Provinz. Fast genau ein Jahr ist es her, dass die damals 15-jährige Schülerin aus Pulsnitz bei Dresden geräuschlos verschwand. Erst flog sie in die Türkei, dann reiste sie weiter nach Syrien und schließlich in den Irak. Linda W. schloss sich dem IS an. Sie lebte in der Islamistenhochburg Mossul, als Ehefrau eines Kämpfers, auch wenn der schon bald nach ihrer Ankunft starb.  Vor anderthalb Wochen wurde Linda W. verhaftet und nach Bagdad gebracht.

Familie in Sachsen ist froh, dass Linda noch lebt

Miriam W. weiß schon seit den ersten Fotos bei Twitter, dass in den Trümmern Mossuls ihre Schwester wieder aufgetaucht ist. "Ich habe sie sofort erkannt." Nun sitzt sie zu Hause in Sachsen und versteckt sich. Draußen stehen Reporter. Sie alle wollen ein Statement, eine Reaktion der Familie. "Ich freue mich, dass sie lebt", sagt sie gegenüber NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung". Andere betroffene Familien hätten nicht solches Glück.

Eine 16-Jährige aus Pulsnitz in Sachsen wurde im Irak aufgegriffen. | Bildquelle: dpa
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Pulsnitz in Sachsen: Aus dieser Stadt stammt eine 16-Jährige, die im Irak aufgegriffen wurde.

Einmal, im Januar dieses Jahres, hatte sich Linda W. bei der Schwester aus Mossul gemeldet. Danach herrschte monatelanges Schweigen. Nun hoffe sie, ihre kleine Schwester bald wieder in Deutschland in Sicherheit zu haben, sagt Miriam W. Auch wenn es hier Ermittlungen wegen des Vorwurfs gibt, Linda W. habe eine schwere staatsgefährdende Gewalttat vorbereitet. "Das steht für mich jetzt nicht an erster Stelle. Hauptsache sie lebt."

Jahrelange Haft könnte drohen

Wie es mit Linda W., Fatima M. und den anderen Frauen weitergeht, ist noch unklar. Der zuständige Richter sagt, allein für den illegalen Grenzübertritt von Syrien in den Irak sehe das Strafrecht bis zu dreieinhalb Jahren Haft vor. Doch Linda W. hofft, bald nach Deutschland ausgeliefert zu werden. Sie werde kooperieren und bereue ihren Entschluss, sich dem IS angeschlossen zu haben, sagt Linda noch. Dann muss der Reporter auf Anweisung der irakischen Militärs gehen.

Über dieses Thema berichtete am 23. Juli 2017 NDR Info um 18:30 Uhr und die tagesthemen um 23:30 Uhr.

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