Lohberger Gruppe in Syrien

Aussagen eines IS-Rückkehrers Wussten deutsche Islamisten von Pariser Anschlagsplänen?

Stand: 14.01.2016 18:00 Uhr

Mehr als ein Jahr war Nils D. beim "Islamischen Staat" in Syrien. Ab kommender Woche steht er in Düsseldorf vor Gericht. WDR, NDR und "Süddeutsche Zeitung" konnten seine Vernehmungsprotokolle einsehen. Sie zeigen, dass deutsche Dschihadisten mit den Strategen des Terrors von Paris viel enger verbunden waren als bislang bekannt.

Von Lena Kampf, Andreas Spinrath und Boris Baumholt, WDR

Seine eigene Geschichte zieht an Nils D. vorbei: Foto nach Foto zeigen ihm die Ermittler. D. soll auf den Bildern Männer identifizieren: Terror-Rekrutierer, Selbstmordattentäter, Opfer. Schließlich legen sie ihm das Bild eines schwarzhaarigen Belgiers vor.

D. erinnert sich. Ein Kämpfer sei dieser Mann gewesen, sagt Nils D., aber er wisse nicht welche Aufgaben er genau gehabt habe. Zuletzt gesehen habe er ihn im September 2014 im syrischen Al Bab. Die Ermittler notieren die Information - nur eine von vielen an diesem Tag im August 2015.

Was weiß Nils D. über die Attentäter von Paris?
tagesschau24 , 15.01.2016, Boris Baumholt und Andreas Spinrath, WDR

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Das Gesicht des Terrors

Nur wenige Monate später werden die Bilder dieses Mannes auf allen Titelseiten prangen, sein sympathisches Grinsen wird zum Gesicht des Terrors. Sie zeigen Abdelhamid Abaaoud, einen Islamisten aus Brüssel, ausgereist in den selbsternannten "Islamischen Staat". Seine Aufgabe ist mittlerweile klar: die Gewalt nach Paris zu tragen. Abaaoud soll einer der Drahtzieher der Anschläge vom 13. November gewesen sein.

Abaaoud-Interview im "Dabiq"
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Der islamistische Terrorist Abaaoud auf dem Titelbild des IS-Magazins "Dabiq".

Es sind Aussagen wie diese, die D. zu einer unschätzbar wichtigen Quelle für den Kampf gegen den Terror machen. Von Oktober 2013 bis November 2014 war Nils D. in Syrien. Was ihn besonders macht: Er redet. In Dutzenden Vernehmungen, deren Protokolle WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" vorliegen, gibt er einen Einblick in die Realität des "Islamischen Staates". Und er zeigt, wie nah auch die deutschen Kämpfer mit jenen verbunden waren, die nun Europa mit ihren Anschlägen terrorisieren. Für Ermittler, die sonst Mühe haben, Beweise für eine Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu finden und schweigende Rückkehrer zu überführen, sind Zeugen wie D. ein Glücksfall.

Radikalisierung im Schnelldurchlauf

Seine Geschichte ist die einer Radikalisierung im Schnelldurchlauf. Der 25-jährige Dinslakener ist ein großer, kräftiger Mann, Spitzname "der Dicke". Der Vater einer Tochter hatte Drogenprobleme, verlor seine Ausbildung zum Anlagenmechaniker. Über seinen Cousin Philip B. bekam er Kontakt zu den Verführern des Terrors, er konvertierte zum Islam. Beide wurden Teil der "Lohberger Brigade", einer Gruppe Islamisten benannt nach dem Dinslakener Stadtteil, in dem sie sich radikalisierten und aus dem sie gemeinsam in den Kampf nach Syrien zogen.

Mittlerweile soll sich Philip B. bei einem Selbstmordattentat im Irak in die Luft gesprengt haben. Nils D. kehrte zurück nach Deutschland. Im Januar 2015, zwei Monate nachdem D. über Istanbul per Fernbus wieder nach Dinslaken gereist war, verhafteten ihn die deutschen Behörden. Die Ermittler hatten ihn schon seit seiner Rückkehr überwacht, in abgehörten Gesprächen mit Dinslakener Freunden sprach D. wenig reumütig über die Zeit im "Islamischen Staat".

Internationales Netzwerk

Auch nach seiner Festnahme kooperierte D. anfangs nicht. Dann wurde er mit belastendem Bildmaterial konfrontiert, auf einem Foto aus Syrien hält er einem mutmaßlichen Gefangenen seine Pistole an den Kopf. In die Defensive geraten, änderte Nils D. seine Strategie und sagte aus: Er kreiste IS-Lager auf Satellitenbildern ein, beschrieb den Treueschwur auf den Kalifen Al-Baghdadi, umriss Regeln und Alltag der Islamisten.

D. sprach über Syrien, über die deutschen Kämpfer, über die Verbindungen der Dinslakener zu anderen europäischen Dschihadisten. So sollen zahlreiche von ihnen gemeinsam mit Belgiern in einer Einheit gekämpft haben, die sich später dem IS anschloss. Untergebracht waren sie in in einem nördlichen Vorort von Aleppo in luxuriösen Villen, die einst Getreue des Assad-Regimes bewohnt hatten. Später wurden sie an anderen Frontabschnitten eingesetzt, gemeinsam verlegt, feierten in Restaurants, schossen Bilder für ihre Internetprofile. Der Kontakt zu Drahtziehern wie Abaaoud war laut D. somit viel regelmäßiger und intensiver als bislang bekannt. Es wirft die Frage auf: Waren die Deutschen in die Anschlagspläne eingeweiht?

Freiwillig Wärter in einem IS-Gefängnis

Und D. belastete auch sich selbst. In den Vernehmungen räumte er ein, dass er als Wärter in einem der Gefängnisse des IS arbeitete. Gemeinsam mit seinen Begleitern Mustafa K., Eniz A. und Marcel B. habe er sich freiwillig gemeldet. D. war später auch Teil des sogenannten "Sturmtrupps", einer Einheit, die als Verräter verdächtigte in den eigenen Reihen verhaftete. Ermittler nennen sie die "Gestapo des IS". Zugegeben hat D. zudem, gewusst zu haben, dass in den Gefängnissen gefoltert wurde.

Vier IS-Kämpfer knien mit angelegten Gewehren in Rakka, Syrien. | Bildquelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com
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Vier IS-Kämpfer posieren mit angelegten Gewehren in Rakka, Syrien. (Archivbild)

Bei aller Offenheit hat sich D. zu wichtigen Details bislang nicht geäußert. Denn die Ermittler wollen nicht nur wissen, was die Deutschen im "Islamischen Staat" treiben, sondern auch wer sie dafür rekrutiert. Über das Netzwerk in Deutschland hält sich D. bedeckt.

Prozess ab Mittwoch

Fragen nach den Hintermännern wird sich D. ab dem kommenden Mittwoch gefallen lassen müssen. Am Oberlandesgericht Düsseldorf beginnt der Prozess gegen ihn. Er muss sich für seine Taten verantworten - obwohl und auch weil er redete.

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