Abgebrannte Fahrzeuge nach Kasten-Protesten der Jat-Minderheit in Nordindien. | Bildquelle: REUTERS

Nach Unruhen in Indien Nur eine Atempause

Stand: 22.02.2016 16:27 Uhr

Tote bei Unruhen, ein Armee-Einsatz mit Schießbefehl, die Hauptstadt ohne Wasser: Das Schlimmste ist nach einer Einigung bei den jüngsten Kasten-Protesten in Indien erst einmal abgewendet. Warum die Ruhe trotzdem nicht mehr als eine Atempause ist.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Das Wasser fließt wieder im Munak-Kanal, nördlich von Neu-Delhi. Entlastung für die indische Hauptstadt. Und etwas Aufatmen. Die Stadtregierung hatte die 20 Millionen Einwohner schon vor einer schweren Wasserkrise gewarnt. Und viele Stadtteile haben tatsächlich seit Samstag kein Wasser mehr erhalten. Demonstranten hatten den Munak-Kanal beschädigt, der für die Versorgung der indischen Hauptstadt unverzichtbar ist. Sogar das Betonbett ist an einigen Stellen aufgerissen.

Militär sichert einen Kanal für die Wasserversorgung der Hauptstadt Neu-Delhi. | Bildquelle: AP
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Das Militär sichert im nordindischen Bundesstaat Haryana den Munak-Kanal. Von ihm hängen rund 60 Prozent der Wasserversorgung der Hauptstadt Neu-Delhi ab.

Das Wasser fließt wieder

"Die Armee hat die Kontrolle über den Kanal erlangt. Es wird dauern, bis er repariert ist. Wir müssen also improvisieren. In wenigen Stunden wird das Wasser Delhi erreichen, aber es muss erst aufbereitet werden. Die Krise wird wohl noch andauern", sagt der Chef der Wasserbehörde, Kapil Mishra. Die Schulen in der Hauptstadt blieben erst einmal geschlossen. Die Behörden rationierten die Wasserversorgung. Notfallpläne für Krankenhäuser wurden aus den Schubladen geholt.

Unruhen im Bundesstaat Haryana

Der Grund für die Krise liegt im Bundesstaat Haryana, der an Neu-Delhi grenzt. Dort haben Tausende Randalierer die wichtigsten Straßen blockiert, Einkaufszentren, Autos, Geschäfte und Häuser angezündet, darunter sogar die Residenz des Finanzministers von Haryana. Die Polizei soll aus einigen Orten geflohen sein, dafür schritt die Armee ein. Mindestens 15 Menschen starben bislang. Immer noch gilt vielerorts eine Ausgangssperre.

Das indische Militär patrouilliert durch die verwüsteten Straßen von Rohtak. | Bildquelle: AP
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Das indische Militär patrouilliert durch die verwüsteten Straßen von Rohtak.

"Die Lage auf den Straßen ist übel", sagt ein Einwohner in der Stadt Sonipat. "Busse sind stecken geblieben, die Kinder weinen. Die Leute benehmen sich völlig daneben. Überall sind Straßenblockaden. Die Regierung sollte sie wirklich hart bestrafen. Das ist inakzeptabel."

Kasten sind offiziell abgeschafft

Hintergrund der Randale ist ein Streit um das Kastenwesen. Die Gruppe der Jats, die in Haryana etwa 25 Prozent der Bevölkerung stellt und eine wichtige Rolle in der Landwirtschaft spielt, fordert von der Regierung, künftig in die Gruppe der niederen, benachteiligten Kasten eingruppiert zu werden. Dann würden die Jats für den Staatsdienst eine Job-Quote zugesprochen bekommen.

In Indien ist das Kastenwesen zwar offiziell abgeschafft. Weil aber die niedrigsten Schichten derart diskriminiert werden, gibt es für sie eine Quote - für Studienplätze und auch für Arbeitsplätze in der Verwaltung.

Die Kaste der Jats

Die Jats, bei denen es sich größtenteils um wohlhabende Bauern in Nordindien handelt, gelten als höhere Kaste. Das Oberste Gericht hatte diese Einschätzung 2015 bestätigt und Forderungen nach besonderer Förderung abgelehnt.

Schon lange nutzen politische Parteien die Frage der Quoten für Jats, um Wählerstimmen zu gewinnen. Die regierende Partei von Ministerpräsident Narendra Modi hatte 2014 überraschend in Haryana gesiegt, weil sie viele der Jats mit dem Versprechen einer besseren Behandlung auf ihre Seite ziehen konnte. Allerdings hatte sie bislang ihre Zusagen nicht umgesetzt.

Offiziell ist das mehr als 5000 Jahre alte Kastenwesen in Indien zwar abgeschafft. Doch das tief im Hinduismus verwurzelte Sozialsystem, das die Menschen streng nach ihrer sozialen Herkunft unterscheidet, lebt auch im 21. Jahrhundert fort.

Pro Jahr 15 Millionen neue Jobs nötig

Die Jats gehören eigentlich zu den höheren Kasten. Auch ökonomisch waren sie bisher nicht benachteiligt. Das Oberste Gericht Indiens hatte ihren Forderungen zuletzt im vergangenen Jahr eine Absage erteilt. Die Ausschreitungen zeigen jedoch, wie groß der soziale Druck in Indien ist. Viele junge Menschen wandern ab in die Städte. Sie glauben, dass sie dort eine bessere Perspektive haben. Aber die Konkurrenz ist hart. Indien müsste pro Jahr bis zu 15 Millionen Jobs schaffen, jeder zweite Mensch ist jünger als 25 Jahre. Deshalb kommt es immer wieder zu Protesten einzelner Gruppen, die für sich Quoten und bessere Chancen fordern.

Indiens Regierung will den Jats entgegenkommen. Aber die Straßenblockaden gingen weiter. Darunter leidet auch Neu-Delhi, nicht nur, weil das Wasser übers Wochenende nicht mehr floss. Auch die Preise für Gemüse oder Milch könnten jetzt deutlich steigen, weil viele Güter aus Haryana stammen und nicht mehr geliefert werden können. Die Proteste der Jats - sie dürften auch deshalb weiter für große Unruhe sorgen.

Kasten-Proteste legen Delhis Wasserversorgung lahm
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
22.02.2016 14:39 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 22. Februar 2016 um 15:30 Uhr auf NDR Info.

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